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Mein Name steht in Deiner Hand
Der Romzug 2010 aus der Perspektive einer jungen Malteserin.
Ich drehe mich um. Es ist ein strahlender Donnerstag, der Platz vor dem Pantheon wie immer voller Menschen, und langsam wird es warm unter dem Cape. Vor mir steht ein österreichisches Touristenpaar: „Entschuldigung, überall laufen Mädels mit Häubchen herum, und wir haben euch und die Gruppe Rollstuhlfahrer schon am Dienstag bei den Vatikanischen Museen und davor in St. Paul vor den Mauern gesehen ...“ Er unterbricht und versucht, die Frage richtig zu formulieren: „Was macht ihr da eigentlich?“
Was machen 400 Österreicher in Rom?
Hmm. Was machen wir da? Was machen 400 Österreicher in der italienischen Hauptstadt, mit Häubchen, Cape und Barett, Rollstühle schiebend, Materialkisten schleppend, Feldbetten aufbauend? Wieso steht eine Traube Menschen vor dem Abgang zu den Domitilla-Katakomben und applaudiert, wenn alle 30 Sekunden vier Männer und ein Rollstuhlfahrer aus der Tiefe auftauchen? Wieso parkt der M6 (ein Malteser-Fahrzeug, Anm.) plötzlich nicht mehr auf dem Wiener Börseplatz, sondern vor dem Pantheon? Wieso wird der Verkehr auf dem Petersplatz mitten in der Nacht plötzlich stillgelegt, und warum, bitte, steht das für den Blick durchs Schlüsselloch berühmte Tor der Villa Malta offen, warum also beschweren sich Touristen „Könnte man den ganzen Wirbel hier bitte beenden und die sonst auch immer verschlossenen Tore wieder zumachen“?!!
Und – ganz ehrlich – das alles würde uns ja auch komisch vorkommen.
Wenn nicht – ja, wenn nicht 2010, wenn es nicht wieder einmal „so weit“ wäre. Wenn nicht die Einsatzleitung seit Jahren am Tüfteln, die österreichische Botschaft in Rom seit Monaten in eifrigen Vorbereitungen, die Wiener Bereichszentrale am Börseplatz seit Wochen ein Material- und Verpflegungslager und, nicht zu vergessen, einige römische Polizisten in heller Aufregung und Einsatzbereitschaft wären. Stimmt. Wenn wir davon alle nichts wüssten, dann hätten wir auch gefragt, was „die da“ machen.

Das mag sich jetzt alles etwas turbulent anhören, schließlich ist aber doch auch die Romwallfahrt – so wie der Lourdeszug – irgendwie Routine. Aber eben nur irgendwie. Abgesehen davon, dass sie nur alle fünf Jahre stattfindet und um einiges mehr an Pilgern, Betreuten, Personal und Programm, Verpflegung und Pflegematerial involviert, reden wir hier immerhin von ROM. Rom ist die ewige Stadt, Rom ist riesig, Rom ist hektisch.
Die Aufregung ist groß ...
Kein Wunder also, dass die Aufregung groß war! Und als ich am Wiener Westbahnhof den Zug bestieg, war mir noch gar nicht bewusst, wie viel unendliche Arbeit und Mühe sich so viele gemacht hatten, um uns das zu ermöglichen – doch es hat sich ausgezahlt! Nach dem großen Wiedersehen und freudigen Begrüßungen bei den Halten zwischen Wien und Innsbruck (wo wir überall – hört, hört! – zu früh ankamen!) ging es über Nacht Richtung Süden. In Roma Ostiense erwartete jedes Team ein Bus, also neun an der Zahl, und nach eifrigem Umräumen und Einladen waren wir bald startklar. Das erste und eindruckvollste Erlebnis der ersten Zeit nach der Ankunft waren wohl einstimmig: die weißen Mäuse. Nein, nein, ich bin nicht verrückt. Und sie waren auch gar nicht weiß. Es gibt zum Beispiel auch rothaarige weiße Mäuse. Sie haben Pfeifen, die sie liebend gerne benutzen, schwere Stiefel und Helme. Und wir fanden sie einfach nur (und nun ein wirklich oft gehörtes, wörtliches Zitat) „so cool“!!!! Gut – nun aber wirklich: Die von Pilgern wie Betreuten und Maltesern so Angehimmelten waren die Mitglieder der uns für diese Woche zur Verfügung gestellten Polizei-Eskorte, die uns auf ihren Motorrädern begleitete und dafür sorgte, dass nichts und niemand, nicht einmal der römische Frühverkehr oder die Rush-Hour des Abends, unsere Wege störte – Straßen wurden gesperrt, Einbahnen umgedreht, und nicht nur einmal ernteten wir erstaunte Blicke und wütende Zurufe für unsere „Frechheit“.
"Weiße Mäuse" als Geleitschutz
Sie erleichterten uns die Einhaltung unseres Programms um einiges – war es doch ganz schön dicht. Und perfekt durchorganisiert. Jeder der von uns besuchten Orte wurde mit einer Feldbetten-Pflege-Station und ausreichend Material ausgestattet, betreut von unseren lieben Diplom-Krankenschwestern. Auch kulinarisch waren wir bestens versorgt – vierhundert Leute mussten nie länger als ein paar Minuten auf das Essen warten, und auch an ungewöhnlichen Orten zauberte das Küchenteam ein dreigängiges Menü! Doch der Reihe nach – nach Besichtigung von Tre Fontane und einer Messe in St. Paul vor den Mauern, wo auch das eindrucksvolle Gruppenfoto entstand, kamen wir am ersten Tag etwas erschöpft und müde von der langen Reise und all den neuen Eindrücken in „Fraterna Domus“ an, unserem aus mehreren Häusern bestehenden Quartier etwas außerhalb des Stadtgetümmels, in hügelige Landschaft gebettet, umgeben von Feldern, mit einer herrlichen Aussicht auf die Stadt und des Nachts sogar auf den beleuchteten Petersdom.
Oft heißt es früh aufstehen
So waren wir froh um jede Minute Rast – schließlich hieß es am nächsten Tag noch bei Dunkelheit aufstehen, ich will lieber gar nicht mehr wissen, wie früh mein Wecker an jenem Tag gestellt war. Doch wir hatten ein großes Ziel: die Sixtinische Kapelle. Das allein wäre an sich schon wichtig genug, man muss aber zusätzlich bedenken, dass wir noch vor Öffnung der Tore der Vatikanischen Museen, über den Hintereingang, mit Liften befördert, von Personal eingewiesen, in die Privatkapelle des Heiligen Vaters durften, dass die österreichische Pilgergruppe allein dort war (zumindest für eine Weile), dass wir Zeit hatten, uns zu besinnen, und dass die komplette, normalerweise gedämpfte Beleuchtung in voller Kraft erstrahlte und Michelangelos Meisterwerk noch eindrucksvoller für uns machte. Wem dann nicht spätestens bei „Großer Gott, wir loben dich!“ eine Gänsehaut über den Rücken lief, der muss den Zauber des Moments nicht verstanden haben. Mit einem großen Lächeln und strahlenden Augen verließen wir diesen hinreißenden Ort und landeten – quasi als kompletter Gegensatz: im Touristengetümmel der Vatikanischen Museen. Da als nächstes erst das Mittagessen in Trastevere auf dem Programm stand, konnte man sich die Zeit bis dahin frei einteilen und unter anderem für einen (etwas holprigen) Spaziergang am Tiber entlang oder durch die Stadt nutzen. Doch das für Rollstuhlfahrer etwas mühsame Kopfsteinpflaster wurde durch die entzückenden Eindrücke dieses gemütlichen Bezirks hundertmal wieder wettgemacht!
Erkundungen auf eigene Faust
Überhaupt gab es immer ausreichend Zeit für persönliche Erkundungs-Touren durch Rom, vor allem über die letzten beiden Nachmittage konnte man frei verfügen – sei es, um ein Eis auf der Piazza Navona zu essen (denn das Wetter meinte es gut mit uns, spätestens ab Mittag hatte man mit 25°C zu rechnen), Besorgungen zu erledigen, die römische Atmosphäre in sich aufzunehmen, auf einen Espresso einzukehren oder eine der unzähligen Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Vormittags waren üblicherweise die „Highlights“ eingeplant – die Sixtina war ja nur der Anfang! Dass am nächsten Tag an die hundert Rollstuhlfahrer mir nichts dir nichts „unter die Erde“ in die Domitilla-Katakomben befördert wurden, ist nicht nur der guten Organisation, sondern auch vielen kräftigen Helfern zu verdanken. Während diejenigen, die besser zu Fuß unterwegs waren, treppab einen schmalen, gewundenen Weg in die unterirdische Basilika nahmen, packten sie über einen zweiten Abgang jeweils zu viert an und brachten die Betreuten sicher und mit unfassbarer Schnelligkeit nach unten. Und zwei Stunden später das Ganze wieder hinauf! Dies nach einem mitreißenden Vortrag, der einen in eine ganz andere Zeit versetzte und auch für diejenigen, die im Anschluss nicht genug Zeit für einen Rundgang hatten, dieses unterirdische frühchristliche Labyrinth lebhaft vorstellbar machte.

Oben angekommen, wurden die tapferen Männer des Trageteams von einer jubelnden Menge empfangen und wir alle vom Küchenteam mit einem – quasi mitten im Grünen aufgebauten – Buffet beglückt.
Beste Plätze bei der Generalaudienz
Nach Sixtina und Katakomben stand am nächsten Morgen die Generalaudienz am Petersplatz auf dem Programm. Ohne Probleme wurden wir vorgelassen und hatten – ohne Übertreibung – die allerbesten Plätze! Die Wartezeit wurde mit Singen, Einstimmung oder gemütlichem Geplauder verbracht, und wenn sich der Heilige Vater nur halb so sehr gefreut hat, die jubelnde Maltesergruppe zu sehen, wie wir uns, dann muss die Freude schon sehr groß gewesen sein. Und wirklich, beim Abendessen übermittelte uns Abt Gregor Henckel-Donnersmarck die herzlichsten Grüße von Papst Benedikt! Nach einem freien Nachmittag und einem gemütlichen Abend im Hotel, der auch ein nettes, witterungsbedingt allerdings etwas kühles „internes“ Beisammensein umfasste, erwartete uns am nächsten Morgen ein seit 1400 Jahren als Kirche genutztes, antikes Gebäude: das Pantheon. Wieder waren die Österreicher allein und hatten die Möglichkeit, in diesem sagenhaften Bauwerk eine Hl. Messe zu feiern.
Ein zauberhafter Abend auf dem Aventin
Das eigentlich „Besondere“ (nicht, dass dies nicht schon ohnehin besonders genug wäre, man lernt, in so einer Woche in anderen Maßstäben zu denken) an jenem Tag aber war die am Tiber auf dem Aventin gelegene Villa Malta. Wir durchschritten die ansonsten geschlossenen, für den Blick durch ihr Schlüsselloch berühmten Tore und gelangten durch einen verwunschenen Garten (ich neige sonst schon zu Übertreibungen, aber in diesem Fall war es einfach genau so) auf die in die untergehende Sonne getauchte Terrasse mit Blick auf den golden glänzenden Tiber. Nach einem Sektempfang (der uns vielleicht die Sprachlosigkeit nehmen sollte), durften wir uns am „Grillbuffet“ bedienen und in den maltesischen Gärten bei herrlichem Wein beisammen sitzen, uns am Ausblick erfreuen, die wunderschöne Kirche Sta. Maria in Aventinae besichtigen – mit anderen Worten: den Abend genießen, so gut es nur irgend ging!
Alles ist hier irgendwie besonders ...
Nicht einmal die Wehmut ob des baldigen Abschieds war stark genug, die Stimmung zu trüben, denn erstens waren ja am nächsten Tag noch zwei ganz besondere Programmpunkte vorgesehen (wie bereits erwähnt: das Wort mag langsam eintönig wirken, aber die Tatsache, dass eine Woche lang so gut wie alles BESONDERS war, ist nicht anders zu beschreiben) und zweitens ... zweitens bekamen wir des Nachts wieder einmal bewiesen, dass „unsere“ Polizia auch das Unmögliche möglich macht. Vor unseren neun Bussen lag der erleuchtete Petersplatz ohne jeglichen Verkehr, und nebeneinander hielten sie kurz inne, damit wir den Moment und Anblick genießen konnten, der sich uns bot, um dann in einem Bogen herum zu fahren und in unser Hotel zurückzukehren. Auch wenn es eigenartig klingen mag, den nächsten Morgen noch als Steigerung der bisherigen Ereignisse zu schildern – eine Messe im Dom zu St. Peter ist wirklich ein unbeschreibliches Gefühl! Vierhundert Leute erscheinen wie eine kleine Gruppe angesichts der Größe dieses monumentalen Bauwerks, das ja das „Ziel“ unserer Wallfahrt war: Begonnen bei St. Paul vor den Mauern und geendet im Petersdom waren wir den Weg „Von Paulus zu Petrus“ gegangen. Als wir anschließend noch das traumhafte Wetter und ein köstliches Mittagessen in den sonst kaum zugänglichen Vatikanischen Gärten genießen durften, als die „weißen Mäuse“ während unseres längeren Zwischenstopps im Hotel noch mit jedem, der mutig genug war, eine Spritzfahrt unternahmen, da passten Windsturmfrisur und strahlende Augen so gut zueinander, dass Glückseligkeit eine ganz neue Bedeutung bekam.
Wehmut zum Abschied
Dann aber – dann aber brach die Wehmut über uns herein, als es Abschied nehmen und Einsteigen hieß, denn die Zeit bis Innsbruck verging viel zu schnell! Als wir die letzte Hl. Messe gemeinsam feierten, war der Zug bereits halb leer, und des Abends in Wien das Getümmel und geschäftige Treiben beim Aussteigen und Ausladen zu groß, um sich überhaupt zu besinnen. Erst viel später, als langsam Ruhe eingekehrt war und man sich wieder an den Alltag gewöhnt hatte, konnte man innehalten und nachdenken über die vergangene Woche. Über ROM 2010. Wenn ich an Rom denke, dann weiß ich wieder, wie dankbar wir für alles sein müssen. Wenn ich an Rom denke, dann weiß ich: „Mein Name steht in Deiner Hand.“ Wenn ich an Rom denke, dann weiß ich, dass dieser Besuch, so Gott will, bestimmt nur der erste von vielen gewesen sein wird.
„Wir sind Malteser,“ antworte ich dem Touristenpärchen vor dem Pantheon und schaue auf die Häubchen, Barette und Rollstühle, die man langsam aus der Kirche strömen sieht. „Und wir sind auf Wallfahrt.“

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