Malteser Kreuz

Der Selige Gerhard aus heutiger Sicht

Im Dekret "Perfectae caritatis" über die Ordensleute fordert das II. Vatikanische Konzil alle Ordensgemeinschaften auf, immer wieder zum "Geist des Ursprungs" und zur "Anpassung an die veränderten Zeitumstände" zu finden.

Diesem Auftrag ist der Malteserorden schon 1961 durch eine neue Verfassung und einen neuen Codex nachgekommen, welche beide 1997 grundlegend erneuert wurden.
So stellt sich nun die Aufgabe, diesen rechtlichen Rahmen in den vielfachen Gliederungen des Ordens mit einem vertieften Bewußtsein für die den Maltesern eigene Spiritualität auszufüllen.

Selgerhard

Der Selige Gerhard, Gründer des Malteser-Ordens

Die Feiern zum 900. Ordensjubiläum 1999 und ganz besonders das Heilige Jahr 2000 mit seinem Einsatz der Hilfsorganisationen an den Patriarchalbasiliken in Rom und den Ordenswallfahrten haben hierzu verstärkt beigetragen.

Das Pilgern und die Betreuung von Pilgern
Gerade das Pilgern und die Betreuung der Pilger führten viele Einzelne und viele Maltesergruppen zu einem verstärkten Nachfragen nach den Ursprüngen des Ordens vom Heiligen Johannes, der ja in der Betreuung und im Schutz der Pilger im Heiligen Land lag.

Hierbei trat die Figur des Seligen Gerhard, des Gründers des Ordens, verstärkt in das Bewußtsein, gerade auch nach einer Besichtigung der Kapelle am Sitz der Ordensregierung in der "Via Condotti" mit dem Bild und den Reliquien des Seligen. Auch die wiederkehrende Erwähnung Gerhards in den wöchentlichen Messen für die Helfer in der Kapelle des "Palazzo del Grillo" trug zu dem Wunsch bei, mehr über den Gründer und sein Wirken zu erfahren.

Die Erwähnung des Seligen Gerhard in der Allerheiligenlitanei und die "Missa in honorem Beati Gerardi", welche der "Cardinalis Patronus" des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens Pio Kardinal Laghi am 17. Oktober 2000 in der Lateranbasilika, der Bischofskirche des Papstes, zelebrierte, brachte ich der großen Pilgergemeinschaft der internationalen Ordenswallfahrt 2000 näher.

Im Pilgerheft finden wir zwei Abbildungen des Ordensgründers nach einem vor wenigen Jahren wieder entdeckten mittelalterlichen Fresko im Dom von Amalfi und nach dem barocken Fresko in der alten Ordenskirche, der Co-Kathedrale S. Giovanni in La Valetta.

Vertieften Zugang zu einer Person und zu seinem Wirken
Gerhard wurde zu allen Zeiten als Ordensgründer verehrt und dargestellt.
Auch in Österreich zeigen dies so manche Bücher und Stiche in öffentlichen und privaten Bibliotheken und seine Darstellung im mittleren Gewölbe der Kirche in Mailberg. Aber gerade neuere Forschungen ermöglichen einen vertieften Zugang zu einer Person und zu seinem Wirken, wenn wir uns auch auf wenige zeitgenössische Zeugnisse und Legenden beschränken müssen.

Im Hinblick auf einen von der Ordensleitung gewünschten Heiligsprechungsprozeß sind viele weitere Forschungen erforderlich, aber schon jetzt haben wir das Bild eines tatkräftigen, weitblickenden, frommen und mitreißenden Mannes vor uns.

Gerhard wurde zwischen 1035 und 1040 geboren und zwar mit großer Sicherheit als Sohn eines Patriziers aus Scala bei Amalfi in Süditalien. Eine vielfach angenommene Herkunft aus der Provence scheint nach neueren Forschungen unwahrscheinlich. Sie ist vielleicht erklärbar mit dem Einfluß des aus der Provence stammenden zweiten Ordensmeisters Raymond du Puy und der damaligen starken Stellung des Ordens im Süden des heutigen Frankreich.

Schon früh wird Gerhard als Mitglied der Patrizierfamilie Sasso angesehen. Amalfi, zu dessen Territorium Scala gehörte, hatte lange vor den Kreuzzügen intensive Handelsbeziehungen zum östlichen Mittelmeerraum und besonders zu den muslimischen Zentren im Heiligen Land. Die Stadtrepublik Amalfi erlebte damals ihre Blütezeit als reichste süditalienische Handelsstadt.

Reliquar

In der Kapelle am Sitz der Ordensregierung - in der "Via Condotti" -
werden die Reliqien des Seligen Gerhards aufbewahrt.

Pilgerherberge und Spital
In Jerusalem unterhielt Amalfi eine große Pilgerherberge, ein Spital. In diesem Umfeld des weltoffenen Handels und der Verbindung zu den Heiligen Stätten wuchs Gerhard auf, gelangte wohl unter Einfluß des reichen amalfitanischen Kaufherren Maurus nach Jerusalem und begründete in dem von ihm geleiteten und ausgebauten Spital die Ordensgemeinschaft des Hl. Johannes.

Unter der eher milden Herrschaft des Kalifats der Fatimiden waren solche Tätigkeiten für die christlichen Pilger möglich, wenn auch schon sehr bald die Verteidigung der Pilgerwege und der Spitäler mit der Waffe auch für Gerhards Gemeinschaft erforderlich wurde. Es ist durchaus möglich, daß der junge Gerhard durch die Schrecken der Normannenüberfälle zur Berufung kam, durch seinen Einsatz für die Bedürftigen und Kranken dem Frieden zu dienen.
Nach der Übernahme des Heiligen Landes durch die Seldschuken 1071 wurden christliche Kirchen einschließlich der Grabeskirche zerstört und der Zugang zu den Heiligen Stätten insgesamt erschwert oder unmöglich gemacht.

Die Kreuzzugsbewegung mit der Eroberung Jerusalems
Die Reaktion des christlichen Abendlandes war die Kreuzzugsbewegung mit der Erorberung Jerusalems durch Gottfried von Bouillon am 15. Juli 1099.

Die Legende berichtet, daß Gerhard den hungernden christlichen Belagerern von den Mauern Jerusalems heimlich Brot zuwarf. Als dies von den muslimischen Verteidigern entdeckt wurde, überprüften sie Gerhard und siehe, die Brote waren zu Stein geworden.

Diese Legende bildet eine Parallele zur Rosenlegende der Hl. Elisabeth von Thüringen und ihrer Großnichte, der Hl. Elisabeth von Portugal. Als Kern der Legende können wir erkennen, daß Gerhard die Kreuzzugsteilnehmer mit Tat und Rat unterstützte, um die Freiheit der Pilger wieder herzustellen.
Auf Grund dieser Legende wird Gerhard, wie z.B. in der Kapelle des Großmeisteramtes in Rom, mit Brot dargestellt und mit Ketten, weil er in dieser Zeit auch eingekerkert wurde.

Gerhard muß ein großes Organisationstalent gehabt haben: Organisation, Erweiterung und Leitung des großen Hospitals und sein Schutz, Aufnahme der Pilger und Pflege der Kranken verlangten seinen vollen Einsatz.

Fra-Gerhard

Gerhard starb am 3. September 1120 in Jerusalem und wurde,
wie damals üblich, schon bald als Seliger verehrt

Die "Herren Kranken" werden entsprechend behandelt
Er verlangte, daß die im Hospital Aufgenommenen als die "Herren Kranken" angesehen und entsprechend behandelt wurden, ein Begriff, der noch heute die Malteserarbeit prägen soll. Trotz oder besser wegen der christlichen Ausrichtung des Hospitals wurden auch Juden und Muslime aufgenommen. Er scheint auch selbst Pilgerfahrten ins Heilige Land organisiert zu haben. Schon zu Gerhards Zeiten gaben Schenkungen und neue Niederlassungen im Heiligen Land, in Italien und in Südfrankreich seiner Gründung eine europäische Dimension.

Papst Paschalis II stellte am 15. Februar 1113 durch die Bulle "Pie postulatio voluntatis" die Gründung Gerhards unter Papstschutz.
Der Papstschutz war ein wichtiger Schritt hin auf die Exemption des Ordens, d.h. seine Unabhängigkeit vom Bischof oder einem anderen Ortsordinarius. Wie zeitgemäß Gerhards Gründung war zeigte sich in der Unterstützung nicht nur durch den Papst, sondern auch durch die Könige von Jerusalem, Portugal, Leon und Kastilien, sowie von vielen anderen Bischöfen, Fürsten und Herren. Gerhard starb am 3. September 1120 in Jerusalem und wurde, wie damals üblich, schon bald als Seliger verehrt.
Seine Ausrichtung des Ordens, seine Weisungen und sein Beispiel bildeten die Grundlage für die erste schriftliche Regel des Ordens vom Heiligen Johannes vom Spital zu Jerusalem, welche der zweite Meister, Raymond du Puy (1120-1158/60) zwischen 1145 und 1153 erließ. Unter ihm verbreitete sich die Gründung Gerhards in fast allen Ländern Europas, wofür die Schenkung Mailbergs durch den Edlen Kadold zwischen 1147 und 1156 ein Beispiel ist.

Novene zu Ehren des Seligen Gerhard
Mit dem "nihil obstat" des Ordensprälaten vom 16. März 2001 versehen, hat das Großmeisteramt des Malteserordens in Rom eine "Novene zu Ehren des Seligen Gerhard" auf italienisch, deutsch, französisch, englisch und spanisch herausgegeben.
Betrachtungsgrundlage für die einzelnen Tage sind verschiedene Titel, mit welchen der Selige Gerhard in zeitgenössischen Urkunden bezeichnet wird.

So sehen wir Gerhard als Begründer und Vorgesetzten des Pilgerheims, als Provisor (heute etwa Verwaltungsleiter) und Almosengeber, als Vater des Hospitals, als Anwalt der Armen Christi, als Knecht Gottes, als Knecht und Helfer des Hospitals und als Herr.

Was auf den ersten Blick trocken und juristisch erscheinen mag, ergibt im Zusammenhang gesehen ein erstaunlich lebendiges Bild eines Menschen und seines Einsatzes für die Pilger, die Armen und Kranken und zum Schutz des Glaubens, dessen Ziel es letztendlich war, durch sein Wirken im "Schatten" der Grabeskirche in Jerusalem, der "Auferstehungskirche", wie es die östliche Tradition sagt, den Tod des Herrn zu verkünden und seine Auferstehung zu preisen, bis er kommt in Herrlichkeit.
So dürfen wir auch heute in all unseren Anliegen und gerade auch in den Anliegen der Malteser rufen: Seliger Gerhard, bitte für uns.

Wirkt doch Gerhard vielleicht mehr durch sein Leben nach seinem Tod, seinem "himmlischen Geburtstag" heute im Malteserorden und seinen Hilfswerken mit seinen Traditionen, seinen neuen Aufbrüchen und seiner eigenen von Gerhard her geprägten Spiritualität.

  •  Msgr. Dr. Michael Fürstenberg

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Letztes Update dieser Seite: Mittwoch, 11. Juni 2003 um 14:42:17 Uhr
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