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Ost- und Westkirche sind keine Gegensätze, sondern wertvolle Ergänzungen
„Das Malteserkreuz“ sprach mit Prof. Heinz Nußbaumer, dem „Furche“-
Herausgeber und Ostkirchen-Experten, über seine Erfahrungen und seine
Einschätzung der aktuellen Beziehungen zwischen Orthodoxie und
Katholizismus aus Anlass des bevorstehenden Besuches von Patriarch Aleksij II.
in Wien. Der Malteser Hospitaldienst wird für die Zeit des Besuches die
notärztliche Versorgung der Gäste sicherstellen.
Malteserkreuz (MK): Am 20. Dezember kommt der Moskauer Patriarch
Aleksij II. nach Wien. Wer hat Seine Heiligkeit eingeladen und was ist
das Ziel dieser ungewöhnlichen Reise?
 Prof. Nußbaumer in seiner Bibliothek
Nußbaumer: Es ist dies die zweite Reise eines "Patriarchen von Moskau
und ganz Russland" nach Österreich. Patriarch Aleksij II war vor 13
Jahren schon in Wien. Das gibt diesem Besuch zweifellos eine
historische Dimension. Gastgeber ist Wiens Erzbischof, Kardinal
Christoph Schönborn.
Offizieller Anlass der dreitägigen Visite ist die Einweihung der
prachtvollen „St. Nikolaus-Kathedrale“ im 3. Wiener Gemeindebezirk, die
nach fünfjähriger Renovierung nun wieder im alten Glanz erstanden ist.
Sie ist die größte orthodoxe Kirche in Westeuropa. Nachdem sie für
Jahrzehnte auf dem Grundstück der Sowjetischen Botschaft gestanden ist,
wurde sie – trotz ihrer reizvollen Zwiebeltürme - von den Wienern
eigentlich überhaupt nicht als sakrales Bauwerk dieser Stadt
wahrgenommen. Mit der Weihe ist davon auszugehen, dass diese mächtige
Kirche einen zentraleren Platz im religiösen Leben Österreichs bekommen
wird.
MK: Mit der Wahl von Patriarch Aleksij II. im Jahre 1990, also zum
Zeitpunkt der großen Wende in Osteuropa, begann der große Neuaufbau der
Orthodoxie und in Russland die Wiederbelebung zahlloser kirchlicher
Gemeinden und Klöster. Wie nahe oder ferne stehen Staat und Kirche
einander heute in Russland?
Nußbaumer: Zunächst: Die Phase des ungestümen Auf- und Umbaus der
orthodoxen Kirchen ist in den ehemals kommunistischen Ländern auch
heute – fast 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems – noch
keineswegs abgeschlossen. Vor allem die russische Kirche spürt ihre
neugewonnene Stärke – in den Herzen der Menschen, aber auch politisch.
Gleichzeitig fehlen aber enorme Geldmittel, um all die Kirchenräume
nutzen und sanieren zu können, die über Jahrzehnte hinweg als
Lagerhallen oder Diskotheken missbraucht worden waren. Zur
Illustration: Rund 70 Millionen Russen haben heuer während des
orthodoxen Osterfestes an der Auferstehungsliturgie teilgenommen.
Obwohl die Theologischen Akademien und Klöster in Russland einen
enormen Zulauf haben, braucht die Orthodoxie noch weit mehr und höher
qualifizierte Menschen, die sich für den Dienst an der Kirche und den
Menschen ausbilden lassen.
Dazu ist ein auch ein bestimmtes Maß an Nähe und Kooperation mit der
Staatsmacht unvermeidbar, um nach einem siebzigjährigen „Karfreitag“ –
mit hunderttausenden Opfern, Verschleppten, Getöteten und Gefolterten -
wichtige religiöse Interessen durchzusetzen. Umgekehrt hat auch der
Staat unter Putin erkannt, wie wichtig die Kirche ist, um einem
ideologisch ausgebrannten Volk wieder eine „Seele“ zu geben.
Die für beide Seiten notwendige Distanz und Nähe festzulegen, ist ein
schwieriger Lernprozess. Die großen autokephalen Orthodoxien haben ja –
anders als die Katholische Kirche mit dem Hl. Stuhl – ihr Zentrum nicht
jenseits der Grenzen des eigenen Staates. Dadurch sind sie den
Verlockungen und Schlägen der jeweiligen Machthaber weit unmittelbarer
ausgesetzt.
MK: In diesen Lernprozess mischen sich seit dem Ende des Kommunismus
auch noch tiefe Differenzen mit den Kirchen des „Westens“ – der
katholischen Kirche vor allem. Warum eigentlich?
Nußbaumer: Dafür gibt es mehrere handfeste Gründe: Zunächst ist das
Wort des polnischen Papstes Johannes Paul II. von der Notwendigkeit
einer „Reevangelisierung des Ostens“ nicht nur in Russland, dort aber
besonders stark, auf massives Misstrauen gestoßen. Es klang für viele
so, als wolle Rom die Schwäche der so lange gepeinigten Orthodoxie
nützen, um die Ostkirchen - salopp gesagt – „gut katholisch zu machen“.
Hier sind uralte Ängste aufgebrochen, vor allem, als die römische
Kirche erste Diözesen gründete – und als eine Vielzahl amerikanischer
Sekten mit enormem Geldeinsatz in Russland neue Hoffnungsgebiete
entdeckt zu haben glaubte.„Proselytismus“ – das Abwerben von Gläubigen,
war der Hauptvorwurf Moskaus an die westlichen Kirchengemeinschaften.
Vorwürfe des Osten an den Westen
Im übrigen wird die katholische Kirche in Russland von alters her nicht
als „römische“ Kirche wahrgenommen, sondern als „polnische Kirche“, da
es fast immer polnische Geistliche waren, die in Russland als
katholische Geistliche wirkten. Bei der bekannten Sensibilität zwischen
den beiden Nationen eine zusätzliche Belastung.
Dazu wurde die alte Streitfrage um die so genannten „unierten Kirchen“
akut - jenen Kirchen also, die zwar nach orthodoxem Ritus leben, aber
in voller kirchlicher Gemeinschaft mit Rom stehen. Die Rückgabe von
Liegenschaften und Kirchen, die einst diesen unierten Kirchen gehört
haben, oder gehört haben mochten, wurde von der Orthodoxie, die sich
selbst als Hauptopfer der kommunistischen Diktatur empfindet, als
massive Schwächung, ja Provokation empfunden.
Es war deshalb besonders wichtig, dass Johannes Paul II. bei seinem
Österreich-Besuch in der Wiener Hofburg gesagt hat, Europa müsse wieder
„aus zwei Lungen atmen“ - aus der Lunge der Westkirche und der Lunge
der Ostkirche. Diese Bemerkung ist im Osten als Geste der Klärung und
Entspannung positiv aufgenommen worden. Doch noch immer sind die
Beziehungen recht heikel.
MK: Es fiel zuvor der Begriff ‚Autokephalie’. Weshalb ist dieser Ausdruck für das Verständnis der Ostkirche wichtig?
Nußbaumer: Da muss ich ein wenig ausholen. In der Orthodoxie gibt es 16
große – sogenannte „autokephale“ Kirchen, die zu der einen orthodoxen
Kirche zusammengeschlossen sind. Denn im Glauben und im Ritus gibt es
keine Unterschiede. Aber die Kirchen sind – vereinfacht gesagt – als
Nationalkirchen organisiert. Jede Kirche, die selbständig ein eigenes
Oberhaupt bestimmen kann, nennt sich „autokephal“. Daneben gibt es noch
eine Reihe von „autonomen“ Orthodoxien, die nach innen selbständig,
aber nach außen an eine Mutterkirche gebunden sind.
Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien – das waren vor der großen
Kirchenspaltung die ersten Patriarchate des Christentums. Später kamen
noch andere dazu - Jerusalem und Moskau vor allem. Mit dem großen
Schisma (nach 1054) schied Rom dann aus dieser Reihung aus. Aber noch
heute ist auch unter Orthodoxen unbestritten, dass der römische Papst
im Fall einer Wiedervereinigung der Kirchen die „Nummer 1“ ist
(freilich ohne Unfehlbarkeit in Glaubensfragen und ohne Jurisdiktion
über die anderen). Den „Ehrenvorsitz der Liebe“ als „Erster unter
Gleichen“ hat in der Orthodoxie jetzt der Patriarch von Konstantinopel
inne.
Im Vorfeld des Besuchs von Patriarch Aleksij II. muss man wohl
ergänzen, dass die Beziehungen zwischen Konstantinopel (Istanbul) und
Moskau nicht ungetrübt sind.
Alle Gründe dafür zu nennen, würde wohl zu weit führen. Aber manches
klärt die Realpolitik: Da ist der „Ökumenische Patriarch von
Konstantinopel“, Bartholomaios I., mit seinen uralten Vorrechten – aber
in einer äußerst tragischen Situation: 99,7 Prozent der Gläubigen in
seinem Heimatland Türkei sind Muslime. Die Schar seiner orthodoxen
Mitbrüder ist auf ein paar Tausend dezimiert. Die türkische Regierung
verweigert ihm zudem seinen internationalen Status – und radikale
Muslime fordern überhaupt seinen Hinauswurf aus der Türkei.
Dagegen spürt der Patriarch von Moskau die wachsende Machtstellung im
Riesenreich Russland – und beharrt im übrigen darauf, dass jene Länder,
die einst zur Sowjetunion gehörten, kirchenpolitisch weiterhin dem
Moskauer Patriarchat unterstehen, statt sich nach Konstantinopel zu
orientieren.
Vielleicht darf ich persönlich hinzufügen, dass ich – damals als
Sprecher von Bundespräsident Klestil – im Jahr 1997 den Auftrag hatte,
zum Zustandekommen eines „Drei-Patriarchen-Treffens (Rom,
Konstantinopel und Moskau) im Stift Heiligenkreuz beizutragen.
Unterwegs zwischen den drei Metropolen bin ich aber bald zur
Überzeugung gekommen, dass die Zeit nicht reif war – vor allem wegen
der Sensibilitäten zwischen den orthodoxen Kirchenführungen.
Aber die Zeit läuft weiter:
Vor wenigen Wochen – Ende Oktober 2008 – sind alle Patriarchen der
Ostkirche erstmals in der jüngeren Geschichte in einer so genannten
„Synaxis“ in Konstantinopel zusammengekommen. Ein kirchenpolitisches
Großereignis, das den österreichischen Medien kaum eine Fußnote wert
gewesen ist.
MK: Wir haben bisher über das Beziehungsgeflecht der Ostkirchen
untereinander gesprochen. Doch wie sehen die Beziehungen des Staates
Österreich und der katholischen Diözesen zur russisch-orthodoxen Kirche
aus?
Nußbaumer: Die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche Österreichs
und der russisch-orthodoxen Kirche haben in der Zeit Kardinal Königs
einen gewaltigen Aufschwung erlebt: Er war es, der die Stiftung ‚pro
oriente’ gründete, der viele orthodoxe Kirchenführer getroffen und die
ersten „Rostlöcher“ im ‚Eisernen Vorhang’ genützt hat, um auch den
Kirchen im Osten die Sympathie und Solidarität der Christen des Westens
spüren zu lassen. Diese Mission ist noch heute unvergessen.
Darüberhinaus haben wir das Glück, dass auch Kardinal Schönborn ein
hohes Ansehen in der Ostkirche genießt – auch als Autor eines
vielgerühmten Buchs über die für die Orthodoxie so zentrale
Christusikone. Patriarch Aleksij und Kardinal Schönborn kennen einander
aus früheren Begegnungen – und Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser
war heuer zum Osterfest Gast des Patriarchen in Moskau. Wir durften ihn
dabei begleiten.
Auf politischer Ebene ist der Besuch des Moskauer Patriarchen heikler.
Denn Österreich hat durch sein Orthodoxengesetz zwar die freie
Religionsausübung für die Gläubigen aller orthodoxen Kirchen
sichergestellt - allerdings unter klarer Anerkennung des Patriarchen
von Konstantinopel als Ehrenvorsitzenden. So ist der
griechisch-orthodoxe Metropolit, Erzbischof Michael Staikos, als Exarch
des „Ökumenischen Patriarchen“ auch der primäre Gesprächspartner
Österreichs in allen Kontakten mit der Orthodoxie. Die
Russisch-Orthodoxe Kirche versucht dagegen seit einiger Zeit nicht nur
in Österreich, unter Hinweis auf ihre Wiedergeburt und ihre Größe, eine
größere Eigenständigkeit zu erreichen. Auch Präsident Putin hat diese
Frage bei seinem letzten Besuch in Wien mit einigem Nachdruck
vorgetragen.
Die bisherige Situation hat es für die Republik zweifellos einfacher
gemacht, denn ein ähnliches Verlangen aller anderen Patriarchate wäre
selbstverständlich zu erwarten, würde der bisherige Modus außer Kraft
gesetzt. Übrigens gibt es unter den österreichischen Muslimen seit
geraumer Zeit ähnliche Versuche, die Rolle der „Islamischen
Glaubensgemeinschaft“ als einzig anerkannten Sprecher aller in
Österreich lebenden Muslime aufzubrechen. .
Gegenseitige Anerkennung der Ost -und Westkirche
MK: Gibt es einen persönlichen Wunsch für diesen Besuch in Wien?
Nußbaumer: Ja, dass wir aus dieser Begegnung wieder lernen, die enormen
spirituellen Schätze der Ostkirche, die sich mehr aus dem Herzen als
aus den Gaben des Geistes nährt, neu zu entdecken. Die magische Kraft
der Ikonen, der Hymnen und des Herzensgebetes öffnet Wege in einer
mystischen Tiefe, die wir in den Kirchen des Westens zum Teil verloren
haben. Ost- und Westkirche sind ja keine Gegensätze, sondern wertvolle
Ergänzungen zu einem tieferen christlichen Verständnis. Wir haben das
Glück, in einer Zeit leben zu dürfen, die uns nicht mehr zwingt, den
Reichtum des ganzen Christentums zu trennen. Es ist ein gemeinsamer
Glaube, der uns in unterschiedlichen Traditionen fasziniert und
bereichert.
MK: Ist dieses selbstverständliche Miteinander nicht noch immer eine Zukunftshoffnung?
Nußbaumer: Ja und nein. Die Tischgemeinschaft – die gemeinsame
Kommunion – ist noch nicht möglich. Leider. Aber die Brücken zueinander
sind breiter und stabiler geworden. Ein kleines Beispiel: In Russland
ist dieser Tage mein kleines Büchlein „Der Mönch in mir“ über den Berg
Athos erschienen. Andere orthodoxe Verlage sind vorausgegangen. Man
stelle sich das vor: Das Buch eines katholischen Pilgers über den
Hl.Berg der Orthodoxie wird vom Moskauer Patriarchenverlag gedruckt und
verbreitet. Wer würde da nicht hoffnungsvoll sein!
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Das Gespräch führte Georg Reichlin-Meldegg

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