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Hofrat Dozent Dr.med. Gustav Jurié von Lavandal
Von einem, der schon vor über 100 Jahren
für den Malteser Hospitaldienst großes geleistet hat ...
aDer Versuch einer Kurzbiographie des zweiten Generalchefarztes des
Großpriorates von Böhmen-Österreich des Souveränen
Malteser-Ritter-Ordens ist insoweit schwierig, da kaum private
Aufzeichnungen existieren und auch amtliche bzw. Ordensaufzeichnungen
sehr spärlich sind.
Die Familie Jurié stammt ursprünglich aus Friaul. Ein Baumeister Jurié
wurde vor 1700 vom damaligen Bischof von Lavant nach St. Andrae im
Lavanttal berufen, um die bestehende Lorettokapelle als große
Wallfahrtskirche und Dom auszubauen. Die Familie verblieb in St.
Andrae. Gustav Juriés Großvater war Stadtarzt in Klagenfurt und sein
Vater Protomedikus Dr.med. Theodor Jurié, seit 1894 von Lavandal, war
Arzt in Wien. Er hatte eine angesehene Praxis im Hause Freyung 6.
Daneben war er im Sanitätsdepartement der niederösterreichischen
Statthalterei angestellt. Er wurde Direktor des Bürgerspitals in St.
Marx und später im neu erbauten am Alsergrund. Er war verheiratet mit
Caroline Ringel, aus einer angesehenen Bürgerfamilie. (Das Haus
Johannesgasse 1 war in ihrem Besitz.) Die Ehe war mit 8 Kindern
gesegnet. Eine Tochter heiratete den Gerichtsadvokaten Dr. Neumayer,
den Nachfolger Luegers als Bürgermeister. Dr. Jurié hatte sehr
bestimmte Ansichten, politisch wäre er dem deutsch-nationalen Sektor
zuzuschreiben, war aber weltoffen und hatte einen großen, vielseitig
gebildeten Bekanntenkreis. In diese Umwelt wurde nun am 17. Mai 1841
Gustav Andreas Leander geboren. Er besuchte nach der Volksschule das
Gymnasium in Wien und Seitenstätten. Anschließend inskribierte er an
der Universität Wien und promovierte am 24.1.1865 zum Doktor medicinae.
Anschließend erwarb er den Doctor der Chirurgie und Magister der
Geburtshilfe. Seine klinische Ausbildung begann er am 1.1.1865 und
wurde am 1.10.1965 Operationszögling an der Klinik Prof. Dr.
Dumreicher, an der er am 31.7.1867 das Operationsdiplom erhielt.
 Der Dr. beim Malteser Materialtransport
1866 war er als Operateur unter Prof. Dumreicher während des
Nordfeldzuges in Böhmen, wahrscheinlich mit seinem Vorgänger im
Malteserorden Dr. Jaromir Baron Mundy, tätig. Anschließend übernahm er
kurzfristig die Leitung des Spitales des patriotischen Hilfsvereines in
der Gartenbaugesellschaft in Wien und nach Friedensschluss als Chef das
Militärspitals in Trautenau. Hierfür wurde er mit dem goldenen
Verdienstkreuz mit der Krone ausgezeichnet.
Hierauf setzte er an der Klinik seine wissenschaftliche
Ausbildung fort und schloss sie mit der Dozentur für Chirurgie der
Harn- und Geschlechtswerkzeuge (Urologie) ab.
Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon eine Praxis im 1. Wiener
Gemeindebezirk in der Wollzeile 17 eröffnet, die sich guten Zuspruches
erfreute. Am 15.8.1868 heiratete er Fräulein Amalie Hofeneder, die aus
einem wohlhabenden Geschäftshause stammte. Dieser Ehe entsprossen 3
Kinder.
Aufgrund seiner Kriegserfahrung mit schlecht ausgebildeten Pflege- und
Hilfspersonal beschloss er schon 1866 einen Verein zur Ausbildung von
Pflegerinnen zu gründen. Aber lassen wir ihn selbst in einem erhaltenen
Brief berichten, den er an den Rudolfinerverein 1907 auf eine Anfrage
hin sandte.
Vom Feldzuge 1866 zurückgekehrt, fasste ich unter dem Eindrucke der
mangelhaften Pflege und Wartung der Verwundeten den Entschluss, einen
Verein zur Heranbildung von Pflegerinnen zu gründen, in der Art des
Augusten-Hospitals. Ich gewann für diese Idee den damaligen
Obersthofmeister der Kaiserin Anna, den Grafen St. Julien, Frl. Marie
Miller v. Aichholz, Dr. Rudolf Weiß und einige andere. Eben wollten wir
an die Ausführung schreiten, als der große Börsensturz des Jahres 1873
erfolgte, und damit schwand für längere Zeit die Aussicht, die nötigen
Gelder aufzutreiben; wir warteten auf bessere Zeiten! Diese schienen im
Jahre 1875 gekommen. Ich warb nun neue Kräfte an; namhafte Spenden
wurden mir von Frl. Miller, Dr. Weiß und anderen zugesagt, und so
schritt ich denn um die „Bewilligung der Statuten des Vereines zur
Heranbildung von Pflegerinnen für Kranke und Verwundete“ ein, und
erhielt diese am 15. Juli 1875.
Das Komitee bestand damals aus: Angelika Gräfin Lilienburg, Luise v.
Stahl-Almasy, Emilie Bach, Kath. Freifrau v. Rosen, Fanni Hofmannsthal,
Aglaia v. Endres, Marie v. Miller-Aichholz, Marie Freifrau v.
Scharschmid, Prof. Dumreicher, Prof. Billroth, Prof. Schrötter, Prof.
Standhardtner, Prof. Böhm, Dr. C. Weiß.
Nachdem genügende Fonds für den Ankauf des Grundes vorhanden waren,
drängte Billroth mit Recht, einen solchen zu erwerben. Er und ich
machten uns auf die Suche; anfangs hätten wir beinahe einen Grund in
Meidling erstanden, ich glaube es war derselbe, wo jetzt das Frauenheim
steht; aber gewichtige Bedenken ließen uns davon absehen. Nun wurde
Billroth auf die Villa mit Garten des gegenwärtigen Rudolfinerhauses
aufmerksam gemacht, besichtigte sie mit mir und begeisterte sich für
deren Ankauf, gegen welchen ich war, da ich meinte, es wäre besser,
einen unverbauten Grund zu erwerben, um den Ankauf von nicht geeigneten
Gebäuden zu ersparen.
Billroth verfocht aber mit Feuereifer seine Idee, bekam im Vereine die
Majorität und ich trat aus demselben aus, - Das Weitere dürften Sie
besser wissen, als der Ihnen ergebene Dr. Gustav Jurié.
 Dr. Jurié von Lavandal
Aus dem Vereinsprotokoll vom 17.7.1875 ist die Gründung des „Vereines
zur Heranbildung von Pflegerinnen für Kranke und Verwundete“
bescheinigt. Präsident Dr. Gustav Jurié. Jänner 1879 übernimmt
Erzherzog Rudolf das Patronat über den Verein und im Juli 1880 ist in
den Vereinsakten „Rudolfiner Verein“ angegeben.
Diese Umstände brachten es mit sich, dass eine sichtlich
unüberwindliche Abneigung zwischen Billroth und Jurié entstand. 1878/79
während des Bosnienfeldzuges errichteten die barmherzigen Schwestern im
2. Wiener Gemeindebezirk eine chirurgische Filialabteilung, der Jurié
mit Prof. von Frisch vorstand. Hiefür wurde er mit dem Franz Josef
Orden ausgezeichnet.
1887 wurde er Primararzt des Spitals der barmherzigen Schwestern im 6.
Wiener Gemeindebezirk, welche Stellung er bis 1908 inne hatte. Auch war
er Hausarzt im Wiener Priesterdefizientenhaus im 3. Bezirk, Präsident
des Haller Kaiserin Elisabethspitals, Mitglied des Kuratoriums der
Heilstätte Alland und Ausschussmitglied des Wiener Doktorenkollegiums.
Er war in seiner Praxis sehr angesehen und wurde von Adel und
bedeutenden Angehörigen der Gesellschaft konsultiert. So war er auch
Hausarzt der Familien Vecsera und Baltazzi und galt als Geheimnisträger
der Affäre Kronprinz Rudolf. Über seine Praxis hinaus, muss er infolge
seiner Allgemeinbildung und seines Kunstverständnisses ein sehr
beliebter Gesellschafter gewesen sein. Er war mit Markart und Canon
befreundet, ebenso mit dem einflussreichen Kunstkritiker Kürnberger.
Politisch dürfte er dem deutsch-liberalen Sektor zuzurechnen gewesen
sein und vertrat, er war ein temperamentvoller Mensch, seine Meinung
deutlich. Auch gehörte er einem Kreis um Herrn Nikolaus von Szemere an,
der mit seinem Personal im Hotel Sacher wohnte. Dieser war auch ein für
damalige Begriffe sehr reicher ungarischer Adeliger (Familie mit
Ministern und Dichtern und ca. 1000 Jahre Vorfahren). Bei ihm trafen
sich zum Dinner, aber auch zum täglichen Mocca, Militärs, Journalisten,
Aristokraten, Politiker, Ausländer und Diplomaten zum Gedankenaustausch.
Er war in diesem Kreis durch sein stupendes Allgemeinwissen und
Kunstverständnis der geschätzte Senior. Herrn von Szemere, der als
temperamentvoller Kavalier des öfteren Ehrenhändel ausfocht, stand er
als Arzt und Begleiter bei. Einer seiner Vorträge „Unsterblichkeit und
Naturwissenschaft“, der erhalten ist, gibt auch einen Einblick in seine
fundierte medizinische und humanistische Bildung. 1891 verstarb seine
Frau und er blieb Witwer.
Jurié wurde 1895 nach dem Tode Dr. Mundys als Generalchefarzt des
Malteser Großpriorates von Böhmen und Österreich berufen und im selben
Jahr am 13.3.1895 durch eine motu proprio des Großmeisters als Gratial-
und Magistralritter in den Orden aufgenommen. Er war damit für alle
ärztlichen Belange des freiwilligen Sanitätsdienstes des Großpriorates
zuständig. Das beinhaltet die ärztliche Kontrolle, die Bereitstellung
der Ärzte im Falle der Mobilmachung und die Ausbildung des
Sanitätspersonales der Züge, das ursprünglich von den Ordenskommenden
gestellt werden musste. Die Vertretung des Ordens bei medizinischen
Kongressen, so in Paris, Petersburg und London, gehörte ebenfalls zu
seinen Aufgaben. Sichtlich in Anerkennung dieser Tätigkeit wurde ihm am
15.3.1909 der Titel Hofrat verliehen.
1914 mit dem Ausbruch des Weltkrieges musste der damals 74-jährige -
für die damalige Zeit im Greisenalter – die medizinische Leitung von 6
bzw. 8 Spitalszügen, ab 1915 5 Chirurgengruppen, einer motorisierten
Transportkolonne, zweier Reservespitäler und einer Reihe Erholungsheime
übernehmen. Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass diese Aufgaben
auf einem Konzept und auch Ausrüstung beruhten, die zum Teil 40 Jahre
alt waren und für Dimensionen, die dieser Krieg annahm, nicht geplant
waren. Es waren also vom ersten Moment an Änderungen und
Umgruppierungen notwendig, um den ständig neuen Anforderungen gerecht
zu werden. Aufgaben, die er sichtlich zur Zufriedenheit erledigte, wenn
auch vermerkt wurde, dass in einzelnen Fällen eine härtere Hand gut
gewesen wäre.
Die Verleihung des Ehrenzeichens des Roten Kreuzes I. Klasse mit
Kriegsdekoration (1915) und des Komturkreuzes des Franz Josef Orden
(1916) sprechen dafür. Wie wir aus späteren Berichten ersehen,
betrachtete er seine Tätigkeit nicht als eine Aufgabe, die man vom
Schreibtisch aus erledigt, sondern er war häufig auch bei Einsätzen und
im Einsatzgebiet tätig und wurde dabei auch verwundet.
Leider sind wir über seine Tätigkeit mangels erhaltener persönlicher
Aufzeichnungen nicht eingehender unterrichtet, wie es wünschenswert
wäre. Die Kapitelprotokolle sind in finanzieller und fallweise
technischer Hinsicht relativ aussagekräftig, jedoch in personellen, mit
Ausnahme des Großpriors, von großer Zurückhaltung.
Nach dem Krieg hat er, schon sichtlich leidend, in seinem Elternhaus im
ersten Bezirk auf der Freyung gelebt, wohin er schon früher seine
Ordination verlegt hatte. Die letzte Zeit war er jedoch bei seiner
Tochter Maria Köchert, umsorgt von seiner Enkelin Holda Köchert, später
verheiratet mit dem Diplomaten Dr. Norbert Bischof von Klammstein.
Behandelt wurde er, der an Wassersucht und Altersschwäche litt, von
Prof. Dr. Oppolzer und Med.Rat Dr. Magiar. Er schlief am 20.6.1924 zu
Mittag ein.
Darf ich mit dem Teil eines Nachrufes von Oberst Emil Seeliger, aus dem
Neuen Wiener Journal aus dem Jahre 1924 – ärztlichen Nachruf gibt es
keinen – schließen:
Wieder ist vor kurzem der Besten einer als Greis in seinem
vierundachtzigsten Lebensjahr dahingegangen. Der Würdige im eisgrauen
Poseidonbart war vielgekannt im Strassenbilde unserer Stadt und
hochgeschätzt in allen Schichten der Gesellschaft: war es doch der
Menschenfreund, der treffliche Arzt, der Gelehrte auf jeglichem Gebiet
des Wissens, der bewehrte Kenner in allen Zweigen der darstellenden
Kunst, die in des Hofrats Jurié Kopf und Herz zu Wohl der Allgemeinheit
um den Vorrang stritten. Er war als Nestor in der Freundesrunde die
viele Jahre Tag für Tag „beim Schwarzen“ in der Wohnung des Herrn
Nikolaus v. Szemere sich einzufinden pflegte, geehrt. Hier war auch mir
das Glück beschieden, ihn näher kennen zu lernen. Nie wieder ist mir
wer begegnet, der auch ein derart unerschöpflicher Born interessanter
Erfahrungen gewesen wäre: so Jurié, den wallenden Bart streichend, mit
ruhiger Stimme immer wieder Neues fesselnd zu erzählen sich herbeiließ,
da wurden auch die Lautesten in Szemeres Rauchkollegium bloß Ohr.
Literatur und Bildnachweis beim Verfasser.
ist Archivar des Großpriorats von Österreich

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