Malteser Kreuz

Die Entdeckung des ältesten Malteserkreuzes

Ausgrabungen finden historische Malteser-Anlage

Nach Kreuzfahrer-Spuren hatten wir nicht gesucht, als wir - die Kollegen von der Israelischen Antikenbehörde und das Team von der Theologischen Hochschule Basel (STH) - in einjähriger Vorarbeit, mit Hilfe von Messungen, Sondierungen, spätantiken Notizen und modernen Generalstabskarten, quadratmetergenau ermittelten, wo das Zentrum des Dorfes Emmaus liegen mußte - jene Siedlung, die der Evangelist Lukas und der jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus erwähnen.

Wir waren uns sicher, an die Stelle sehr später, ungenauer Traditionen nun den tatsächlichen, den historischen Ort setzen zu können. Jetzt mußte er "nur noch" ausgegraben werden.

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Ziegelstein mit dem Malteser Kreuz.

In dieser Gegend gab es bis dahin keine sicheren Indizien für eine Besiedlung in der sogenannten "Spätzeit des Zweiten Tempels", die im weitesten Sinne deckungsgleich war mit der Zeit des neutestamentlichen Emmaus.
Noch nach der Vertreibung der Juden durch die Römer, nach der Niederwerfung des jüdischen Aufstands von 66 - 73 n.Chr., blieb das Gebiet besiedelt - durch eine römische Veteranenkolonie, dann, einige hundert Meter weiter östlich und südlich, vorübergehend wieder durch Juden, gefolgt von byzantinischen Christen, Muslimen, Kreuzfahrern, wieder Muslimen und schließlich, seit 1948, erneut Juden.

Alle diese Besiedlungszeiten waren durch Grabungen belegt, nur eine nicht: Die Epoche von ca. 100 v.Chr. bis 70 n.Chr. Schon in der ersten Grabungssaison fanden wir Belege für eine Ansiedlung praktizerender Juden an genau dieser Stelle. Vor allem eine Tonscherbe mit einem Namen in der typischen Schrift der Spätzeit des Zweiten Tempels und das Fragment eines steinernen Reinigungsgefäßes (vgl. Johannes 2,6) ließen daran keinen Zweifel.

Aber ehe wir so weit kamen, stießen wir auf dem Grabungsgang durch die Schichten der Jahrhunderte auf unerwartete Spuren: In der Schicht des 12. Jahrhunderts fanden wir eindeutig erkennbare Reste einer Anlage der Hospitaliter. Rund einhundert Meter entfernt war seit langem eine kleine Wehranlage der Kreuzfahrer bekannt, der sogenannte "Saltus muratus".
Vor kurzem erst wurde dort ein unterirdisches Wasser-Reservoir entdeckt. Mehr aber war nicht zu erwarten, schließlich lagen große Bauten dieser Ritter des Heiligen Johannes vom Spital zu Jerusalem nur wenige Kilometer entfernt an der gleichen Straße, in Richtung Mittelmeerhäfen: Kirche, Hospiz und Hospital von Abu Gosh (Fontenoid) und, auf der anderen Seite der Verbindungstraße zwischen Jerusalem und dem Mittelmeer, das Altersheim und Hospital für altgediente und kranke Ritter, Aqua Bella.

Was wir nun fanden, entsprach der typischen Hospitaliter-Architektur, mit Arkaden, die denen in Aqua Bella ähnelten, mit einem mehrgeschoßigen Bau, der sich dem Eingangsareal anschloß (wie in Aqua Bella), mit Umfassungsmauern, wie sie z.B. aus Abu Gosh bekannt sind. Auffällig ist, daß hier bei "Saltus Muratus" alles etwas kleiner, etwas bescheidener angelegt ist. Jetzt, seit der zweiten Grabungssaison, ist eine Vermutung aus dem Vorjahr bestätigt: Die archäologische Schicht ist das frühe 12. Jahrhundert.

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Ausgrabungen Prof. Thiede.

Das heißt: Diese Bauspuren sind älter als die rund 9 km entfernten Anlagen von Abu Gosh und Aqua Bella. Sie sind auch älter als die großen, bekannten Festungen der Hospitaliter, wie Belvoir (Kaukab) oder Krak des Chevaliers, und sie sind nur wenige Jahre jünger als die Anfänge der ersten Hospitalanlage im Muristan-Viertel von Jerusalem. Dort, in Jerusalem, brauchten die Ritter anfangs kaum neu zu bauen:
Sie übernahmen im wesentlichen die Anlagen der Kaufherren von Amalfi, und sie bedienten sich der zum Areal gehörenden Kirche des 5. Jahrhunderts, die Johannes dem Täufer geweiht war und dem neuen Ritterorden schließlich den Namen gab. Hier, 8,5 Kilometer vor Jerusalem, bauten sie selbst. Sie richteten wohl vor allem wegen des großen Andrangs von Pilgern, die von und nach Jerusalem zogen, an dieser strategischen Straßenbiegung eine kleine Station ein, neben dem ummauerten Turm, von dem aus die Straße überwacht wurde.

Reste zweier Gebäudekomplexe haben wir bisher freigelegt: Den sieben Meter breiten Eingangsbereich zwischen zwei Arkaden und die doppelgeschossige Struktur, die in späteren Bauten zu einem klassischen Schema wurde; unten die Kapelle, oben der Krankensaal - in der Regel dann mit Löchern in der Zwischendecke, die es den Bettlägrigen gestattete, akustisch an den Gottesdiensten teilzunehmen.
Daneben (so in Jerusalem), mitunter auch in einer weiteren Etage darüber, lag ein Gästetrakt für durchreisende Pilger.

Neben den architektonischen Indizien ist der mit Abstand bedeutendste, bisher einmalige Fund allerdings die Entdeckung eines gebrannten Ziegelfragments. Wir fanden es unmittelbar hinter der Eingangsarkade zum mittelalterlichen Gebäudekomplex.
Fast unbeschädigt ist hier das achtspitzige Kreuz zu erkennen. Und es ist, anders als bei den einige Jahrzehnte jüngeren "Malteser"- Kreuzen links und rechts der Stufen zur Helena-Kapelle in der Jerusalemer Grabeskirche, nicht das eingeritzte Zeichen eines Pilgers. Zweifellos wurde es als Auftragsarbeit eingebrannt. Hier wollte also jemand bewußt eine Wandziegel mit diesem Kreuz am Eingang zu einem Gebäude anbringen. Es mußte vor 1150 geschehen sein, denn da war - soweit wir das jetzt zuverlässig datieren können - die Bautätigkeit in diesem Areal beendet.
Damit ist es das älteste jemals gefundene Ordenskreuz. Es ist mit Sicherheit älter als die Pilgerkreuze in Jerusalem oder auch das Kreuz auf einem Schlußstein in der Festung von Akko (nach 1191).

Da der Ordensmeister Raymund du Puy das achtspitzige Kreuz erst im Kontext der Erstellung seiner um 1125 verfaßten Ordensregel neben dem traditionellen Balkenkreuz zuließ, dürfen wir vermuten, daß dieses bei Emmaus - "Saltus muratus" gefundene Kreuz ein archäologischer Beleg für die sofortige bauliche Verwendung dieser vom Stadtwappen Amalfis abgeleiteten Form ist, deren acht Spitzen man später als Symbol der acht Seligpreisungen der Bergpredigt deutete.
Die Hospitaliter hatten sich zu dieser Zeit auf Abu Gosh-Fontenoid als ihr neutestamentliches Emmaus festgelegt. Es ist sicher ein reizvolles Ergebnis, wenn wir nun sehen, daß sie, ohne es zu wissen, auch am tatsächlichen Ort der Emmaus-Geschichte beteten, für Kranke sorgten und Pilgern Schutz gewährten.
Carsten Peter Thiede ist Professor für Umwelt und Zeitgeschichte des Neuen Testaments an der STH Basel, Koordinator und Ko-Direktor der Ausgrabung von Emmaus. Er ist Rechtsritter der Brandenburgischen Provinzialgenossenschaft des Johanniterordens.

  •  Professor Carsten Peter Thiede

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Letztes Update dieser Seite: Mittwoch, 11. Juni 2003 um 13:26:57 Uhr
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