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Gemeinschaft wächst durch Verbindlichkeit!
Georg Reichlin-Meldegg im Gespräch
mit dem kürzlich in sein Amt eingeführten Weihbischof Dipl. Ing. Mag.
Stephan Turnovszky über seine Erfahrungen als jugendliches Mitglied des
Malteser Hospitaldienstes, seine neuen Aufgaben und seine positive
Einstellung zu einer Kirche, die offen auf die Menschen zugeht.
Du hast zwei Universitäts-Studien absolviert, warst über zwei Jahre in
der Privatwirtschaft tätig und bist mit 44 Lebensjahren erst seit 10
Jahren Priester. Das ergibt sicherlich eine sehr breite geistige
Landebahn für Dein neues Amt. Wie sieht Dein zukünftiges Arbeitsgebiet
aus?
Weihbischof Turnovszky: Mein neues Arbeitsgebiet lerne ich nun
gleichsam Schritt für Schritt kennen. Ich sehe zwei Hauptbereiche:
Zunächst sind da die allgemeinen Pflichten eines Bischofs: Die großen
Festmessen, – es kamen da schon zahlreiche Einladungen aus den Pfarren
auf mich zu, sodann die Firmungen, weiters die Visitationen. Ich werde
im nächsten Jahr ein Dekanat, nämlich Pottenstein, visitieren. Nicht zu
unterschätzen vor allem ist das Kennenlernen der Menschen in den
Pfarren, ihre Lebensumstände, ihre Einstellungen, ihre Sorgen und
Freuden.
 Stephan Turnovsky noch als Pfarrer der Pfarre St. Josef
Weiters Repräsentationsanlässe, wo das Wort oder die Präsenz eines
Bischofs gewünscht ist. Schließlich die Präsenz in den Leitungsgremien
der Diözese und in der Bischofskonferenz.
Hast Du in der Bischofskonferenz schon einen Arbeitsschwerpunkt zugewiesen bekommen?
Weihbischof Turnovszky: Nein, habe ich noch nicht. Meistens geschieht
das erst nach dem ersten Dienstjahr eines Bischofs, dass er aus seinem
persönlichen Hintergrund oder aus einem vakanten Bereich einen
Arbeitsschwerpunkt zugewiesen bekommt.
Du sprachst von zwei Bereichen Deines Arbeitsgebietes …
Weihbischof Turnovsky: Ja, genau. Der zweite Lungenflügel – sozusagen –
sind jene Agenden, mit denen der Bischof Turnovszky im Besonderen
betraut ist: Das ist die Priesterbegleitung in der Erzdiözese. Ich muss
hier den Überblick über alle relevanten Teilbereiche bekommen und
bewahren und zusehen, dass alles möglichst praxisgerecht organisiert
ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich jeden unserer rund 1.000
Priester in der Diözese persönlich begleite. Aber es bedeutet, dass ich
Sorge dafür trage, dass brauchbare Strukturen vorhanden sind. Dazu
gehört, dass es z.B. für verschiedene Altergruppen adäquate
Ansprechpartner, dass es Fortbildungsprogramme für priesterrelevante
Themen gibt, Angebote für geistliche Begleiter – und last but not least
gehört dazu, Besuche zu machen, persönliche Kontakte zu knüpfen. Ich
werde deshalb im nächsten Jahr bei allen regionalen „Priestertagen“ und
Begegnungstagen des Herrn Kardinal mit den Priestern eines Gebietes
anwesend sein.
 Der Weihbischof beim Vorbereiten seiner Predigten
Sodann gehört der große Bereich der Integration unserer ausländischen
Priester zu meinen Agenden. Es sind ja bekanntlich sehr viele
ausländische Mitbrüder in unserer Diözese tätig. Sie durchlaufen ein
Schulungsprogramm, das sich weniger mit der Sprache als mit der
Inkulturation, dem Kennenlernen der Mentalität und Gebräuche der
Österreicher und der hiesigen kirchlichen Wirklichkeit beschäftigt.
Du hast Deine Zeit immer sinnvoll genützt: In Deiner Studentenzeit
warst Du recht aktiv beim Malteser Hospitaldienst. Was sind Deine
Erfahrungen aus dieser Zeit?
Weihbischof Turnovszky: Zunächst dazu ein knapper Satz: Nächstenliebe
macht Freude! Das fasst ganz gut zusammen, was ich bei den Maltesern
erleben und begreifen durfte. Es macht Freude, sich für andere Menschen
zu engagieren. Diese Freude spürt man bei den Maltesern ganz deutlich.
Egal ob Besuchs-, Sanitäts- oder Krankendienst, oder Lourdeswalfahrt.
Eine weitere Erkenntnis aus jenen Jahren: Gemeinschaft wächst durch
Verbindlichkeit! Man verpflichtet sich freiwillig zu Diensten, hier
wächst ein spezieller Teamgeist und man bekommt auch ein Wissen um
persönliche Verantwortung. Keine schlechte Lebensschule für einen
jungen Menschen.
Noch eine Erfahrung: Es zahlt sich in jeder Hinsicht aus, sich neben
dem Studium sozial zu engagieren. Es öffnet Herz und Geist und bietet
unschätzbare Erfahrungen für den weiteren Berufsweg aber auch für das
Zusammenleben in der Familie.
Nebenbei: Sozialkompetenz ist in jedem Unternehmen gefragt!
Vor allem Deine kreative Jugendarbeit ist in Deiner Badener Zeit als
Pfarrer sehr positiv aufgefallen; Du darfst Dich ja selbst noch zur
„Jugend“ zählen. Was könnte das breite Desinteresse vieler
Jungendlicher an der Kirche stoppen – oder ist dieser Trend unumkehrbar?
Weihbischof Turnovszky: Der Trend ist schon sehr stark evident. Ob er
jedoch wirklich unumkehrbar ist? – Ich habe Erfahrungen mit jungen
Familien machen können. Junge Eltern mit ihren Kindern, die sehr froh
waren ihren Platz in der Pfarre gefunden zu haben und vor allem dort
sehr willkommen zu sein.
 Der Weihbischof bei der internationalen UEFA Pressekonferenz
Die wichtigste Botschaft unserer Kirche sollte demnach sein: Du bist
willkommen! Mit all deinen Fehlern und Unzulänglichkeiten. Eben mit dem
Blick Jesu auf die Menschen schauen: Tief in Dir, inmitten deines
Herzens, liegt das Gute. Darum herum kann viel Schutt liegen, viele
Verhärtungen und Verletzungen, doch in jedem Menschen ist der Funke der
göttlichen Liebe und der göttlichen Ebenbildlichkeit. Wenn wir uns
bemühen, mit diesem Blick auf andere Menschen zu schauen, kann etwas
überspringen von diesem Funken, von der Freude angenommen zu sein.
Unter Christen ist es wichtig, den Wunsch zu haben, einander besser
kennen zu lernen. Es gibt so viel zu entdecken an jedem Menschen! Wenn
wir in dieser Offenheit aufeinander zugehen, nicht aus Neugier, sondern
aus Interesse, dann bereitet das ein Klima, das auch für junge Menschen
attraktiv ist. Das ist schon auch ein Weg zur Jugend, den wir gehen
müssen.
In Wien ist die Katholikenzahl unter 50 Prozent gefallen. Ein Ergebnis
des Wohlstandes oder des fehlenden Engagements der „Bekennenden
Christen“?
Weihbischof Turnovszky: Man muss hier mehrere Faktoren geltend machen,
sie wirken miteinander: Die demographische Entwicklung, der Wohlstand,
wohl auch das fehlende Engagement, das fehlende Bewusstsein für den
Mangel an Glauben und noch vieles mehr.
Doch das Wichtigste ist wohl einfach, nicht zu resignieren! Gott hat
oft auch durch kleine Gruppen gewirkt, die Verkündigung des Evangeliums
muss darunter nicht zu leiden. Da brauchen wir uns nicht ängstlich
machen lassen.
Denken wir nur an die rund 2000jährige Geschichte der Kirche, und
nehmen wir ein Beispiel, den ‚Dreißigjährigen Krieg’ heraus. Eine
schreckliche Zeit der Verwüstungen und der Gottlosigkeit. Denn der
vorgeschützte Glaubenskrieg war wohl nur eine Art Deckmantel für alle
Parteien, um ihre Machtspiele auszuleben. Die Kirche lag danieder, doch
sie hat ihr Haupt und ihre Stimme wie nach jeder Krise wieder erheben
können.
Je größer die Zahl der Nichtchristen – desto größer unsere Aufgabe!
Desto größer die Zahl derjenigen, die auf das Wort Christi warten! Ich
sehe diesen Trend als Ermutigung, neue Wege der offenen Begegnung und
der glaubwürdigen Kommunikation zu gehen.

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