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Zum ersten Mal in Lourdes - Impressionen einer Wallfahrt
Lourdes kennt man. Lourdes muss man kennen. Lourdes muss man einmal
erlebt haben. Lourdes muss man einmal erfahren haben. Ein Bericht von
Christoph Wellner
Über viele Jahre wurde ich immer wieder gefragt, ob ich nicht auch
einmal an der Wallfahrt des Malteser Hospitaldienst Austria (MHDA)
teilnehmen möchte. Jahrelang habe ich Zurückhaltung signalisiert. Heuer
war es soweit. Das große Jubiläumsjahr schien der richtige Zeitpunkt
für mich – unter dem Motto: Wenn nicht heuer, wann dann?

Der Autor (2. v. l.) und der Erste Vizekommandant des MHDA, A. F. Gatnar, beim Einladen des Zuges in Lourdes.
Als journalistischer Begleiter fand ich mich am Südbahnhof ein – etwas
später, als die Patienten und das Pflegepersonal der Malteser.
Hektisches, aber wohl organisiertes Treiben herrschte am Bahnsteig.
Koffer, Handgepäck und die Pilger selbst mussten „beschildert“ werden.
Bereits vor der Abfahrt wusste jeder in welchem Zimmer er in Lourdes
wohnen wird. Der Zug war lang, und langsam füllten sich die Abteile.
Vor der Abfahrt wurde der Segen für die große Pilgergruppe erbeten.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung. In Richtung Pyrenäen, in Richtung
des kleinen Gnadenortes, an dem der Heiligen Bernadette Soubirous vor
150 Jahren die Gottesmutter erschienen war.
Lange, aber spannende Anreise…
Insgesamt waren es 26 Stunden, die alle Pilger, Betreuer und Patienten
im Zug verbrachten. Bei einigen Zwischenstopps wurden in Österreich
weitere Pilger aufgenommen. Sobald die Grenzen Österreichs hinter uns
lagen, war die „Truppe“ komplett.
Jeder Teilnehmer erhielt ein Pilgerheft. In dem der Ablauf genau
verzeichnet war. Schon im Vorhinein konnte man sich einlesen, erfuhr
die Lieder und die Tageslesungen der Heiligen Messen. Eine Messe im
Zug? Im Salonwagen, in dem höchstens 50 Personen gleichzeitig Platz
finden? Es funktioniert Dank der Technik. Über die Lautsprecheranlage
des Zuges wird die Messe in jedes einzelne Abteil übertragen. Dass so
etwas funktioniert, kann nur verstehen, wer es selbst erlebt hat.
Wegen des großartigen Einsatzes des „Küchenpersonals“ litt niemand
Hunger während der Fahrt, dank des „Barmanns“ im Salonwagen musste auch
niemand dürsten, besonders nicht am Abend. Auch „Feierstimmung“ im
weltlichen Sinne war nicht ausgeschlossen auf dieser Wallfahrt.
Gestärkt und zum größten Teil ausgeschlafen erreichte die Pilgergruppe
den Wallfahrtsort am nächsten Vormittag. Sommerliches Wetter mit
Temperaturen über 30 Grad stand uns in den kommenden Tagen bevor.
Während der Internationalen Wallfahrt des Souveränen Malteser
Ritterordens Anfang Mai glaubt man sich in Lourdes eigentlich in der
Hauptstadt des Ordens. Dies bestätigte übrigens der neu gewählte
Großmeister, Fra’
Matthew Festing, beim großen Ordensempfang mit ähnlichen Worten.
So viele Menschen…
Ist man zum ersten Mal in Lourdes, wird man hauptsächlich mit zwei
Eindrücken konfrontiert – erstens: so viele Menschen. Und zweitens: so
viel Kitsch. Hier war der Zeitpunkt, als ein Gefühl des Unwohlseins in
mir hochkam. Bin ich hier richtig? Ich habe Hilfe bei erfahrenen
Lourdes-Pilgern gesucht, die mir bestätigen konnten, dass es den
meisten beim ersten Besuch ähnlich ergangen ist. Außerdem habe ich den
Rat bekommen, mir Zeit zu lassen und Lourdes in Ruhe zu erfahren.
Wie sollte sich dies angesichts des dichten Programms ausgehen?
Gruppenfoto, Messen, Prozessionen und Empfänge – das klingt nicht nach
Zeit für das persönliche Erlebnis von Lourdes. Aber ich wurde eines
Besseren belehrt. Nach dem großen Ordensempfang feierten die
österreichischen Malteser im Hotel. Nach Mitternacht war der Zeitpunkt
für mich gekommen: alleine auf dem Weg zur Grotte. Im Schein von
tausenden Kerzen näherte ich mich zum ersten Mal dem Zentrum des
Wallfahrtsortes. Still und ruhig – das war Lourdes zu dieser
Nachtstunde und das war auch ich. Hier begann das eigentliche Erlebnis
dieser Wallfahrt für mich. Mit dieser Stärkung konnte ich alles weitere
viel umfassender und besser miterleben.
So viel Stille…
Lourdes ist hinter den großen Menschenmassen trotz alledem ein
bescheidener Ort geblieben. So bescheiden wie das Mädchen, dem Maria
vor eineinhalb Jahrhunderten erschienen ist. Dies ist nicht
vordergründig erfahrbar, da man sich die Stille und die Ruhe suchen
muss. Das fällt den einen leichter, den anderen schwerer. Aber Lourdes
ist auch – und das vor allem im Kreis der internationalen Malteser –
ein Ort der großen Gemeinschaft. Hier werden soziale Kontakte geknüpft,
Erfahrungen ausgetauscht, Freundschaften geschlossen und Strategien
entwickelt.
Malteser aus aller Welt fahren nach Lourdes, um das zu tun, was im
Ordensgebet zentral geschrieben steht: „dem Herren Kranken in Liebe
begegnen“. Das mitzuerleben war ein großes Erlebnis für mich. Ich habe
vieles erfahren in diesen Tagen. Vor allem kann ich jetzt sagen, dass
ich Lourdes kenne. Dass man Lourdes einfach kennen muss. Und, dass man
Lourdes einmal erlebt und erfahren haben muss.
P.S.: Meine Reisereportage der Pilgerfahrt des Malteser Hospitaldienst
Austria kann man kostenlos im Internet unter
http://www.radiostephansdom.at/static/lourdes2008.mp3 herunterladen.
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Mag. Christoph Wellner, Jg. 1972, ist Musikwissenschaftler und Programmdirektor von Radio Stephansdom in Wien.

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