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Predigt von Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari
Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens; Evangelium vom Gedenktag:
Lukas 2,1-51 – Der zwölfjährige Jesus im Tempel
„Unsere Bruderschaft wird unvergänglich sein, weil der Boden, auf dem
diese Pflanze wurzelt, das Elend der Welt ist und weil es, so Gott
will, immer Menschen geben wird, die daran arbeiten wollen, dieses Leid
geringer, dieses Elend erträglicher zu machen.“ Dieses fast 1000 Jahre
alte Wort des seligen Gerhard, des Gründer des Malteser Ordens, hat
sich als prophetisch erwiesen. Bis heute finden sich mitfühlende
Menschen, die unter dem Zeichen des Malteserkreuzes ihre spirituellen,
ideellen, emotionalen, zeitlichen und auch finanziellen Ressourcen
dafür einsetzen, menschliche Not zu lindern und Notleidenden neue
Lebenschancen zu eröffnen. Eine Frage aus dem ersten Johannesbrief des
Neuen Testamentes hat christliche Männer und Frauen immer wieder
aufgerüttelt und zu tatkräftiger Nächstenliebe bewegt. Diese Frage
lautet: „Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder
verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm
bleiben?

Mit dem Herz-Jesu-Fest, das gestern begangen wurde, erinnert die Kirche
daran, dass Gott in seinem menschgewordenen Sohn Christus ein
menschliches Herz hat: ein Herz, das in den Notleidenden, die seine
Brüder und Schwestern sind, nach Liebe ruft, und ein Herz, das sich
auch durch uns diesen Not leidenden Mitmenschen öffnen will. Vom großen
Franziskanertheologen des späten 13. Jahrhunderts, Johannes Duns Scotus
(+ 1306), stammt das Wort: „Deus vult condiligentes“ – Gott will
Mit-Liebende, Gott ist auf der Suche nach Menschen, die bereit sind,
mit ihm gleichsam „anzulieben“ gegen alle Herzenskälte,
Gleichgültigkeit, Bosheit und Ungerechtigkeit in dieser Welt.
Die Kirche begeht heute, einen Tag nach dem Herz-Jesus-Fest, den
Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariens. Diese Reihenfolge ist
theologisch und spirituell profund begründet, denn Maria ist wie
niemand sonst dem Herzen Christi verbunden; sie hat als erste ihr Herz
dem Heilswerk Christi aufgetan und ist so zur großen Mit-Liebenden
geworden. Zu diesem großen Ja war sie fähig, weil ihr Herz durch
besondere Gnade Gottes vom ersten Augenblick ihres Daseins an
„unbefleckt“, das heißt: ganz lauter, frei von jeder Verstellung und
Bosheit, frei von jedem Nein zu Gott geblieben ist. Sie ist ihren
irdischen Weg in „unbefleckter“, ungetrübter Freundschaft mit Gott
gegangen. Auf niemanden sonst trifft das Wort Jesu besser zu als auf
sie: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“
(Mt 5,8) Und weil Maria jetzt bei Gott vollendet ist und von seiner
Liebe und Barmherzigkeit durchdrungen ist, kann sie für alle, die sie
anrufen, zur „mater misericordiae“, zur „Mutter der Barmherzigkeit“
werden.
Aber auch Maria blieb der Weg des Lernens nicht erspart. Im Evangelium
des heutigen Gedenktages wird uns deutlich gezeigt, wie die besorgte
Mutter lernen muss, dass sie ihren Sohn nicht in ihrer Fürsorge
festhalten darf, sondern ihn seinen Weg gehen lassen muss. „Wusstet ihr
nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Die Sendung
Jesu geht weit über die Liebe und Zuneigung, die man der eigenen
Familie schuldet, hinaus. Jesus gehört vor allem und in einzigartiger
Weise Gott. Und weil er ganz eins ist mit Gott, seinem Vater, muss sein
menschliches Herz auch so weit sein wie die universale Liebe Gottes. Am
Ende des gehörten Evangeliumsabschnittes heißt es: „Seine Mutter
bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ Der Evangelist
Lukas zeigt uns hier Maria als Urbild wahrer Jüngerschaft. Ihr offenes
Herz bewahrt, was sie von Christus erfahren hat, ihr liebendes Herz ist
bereit, vom Herzen ihres Sohnes zu lernen. Später als erwachsener Mann
wird Christus unzählige Menschen in die „Schule seiner Barmherzigkeit“
rufen: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig!“ (Mt
11,28), hat er ihnen gesagt.

Die Malteser haben sich im Lauf ihrer wechselvollen Geschichte auf
vielfältige Weise bemüht, dieser Einladung Christi zu folgen und von
der Liebe Christi, die Familien- und Freundeskreis übersteigt und auch
den Fremden, ja sogar den Feind einschließt, zu lernen. Viele wurden
wohl zu solchen glaubwürdigen „Mit-Liebenden“, die nach dem oben
zitierten Wort des Johannes Duns Scotus Gott sucht, um seine
Barmherzigkeit in der Welt spürbar und sichtbar werden zu lassen.
Mit besonderer Dankbarkeit können wir heute bei diesem
Jubiläumsgottesdienst auf fünf Jahrzehnte des Malteser Hospitaldienstes
Austria zurückblicken. Dieses Hilfswerk des Souveränen
Malteser-Ritter-Ordens, Großpriorat von Österreich, begann als
Hilfsorganisation für Flüchtlinge aus Ungarn, die nach der brutalen
Niederschlagung des dortigen Aufstandes von 1956 in unser Land gekommen
waren. Später folgten andere Notsituationen, darunter auch kriegerische
Auseinandersetzungen und große Naturkatastrophen, in denen Menschen der
Hilfe der Malteser bedurften. Tausende Männer und Frauen haben sich
seit der Gründung des Hospitaldienstes als aktive Mitglieder in
unzähligen Arbeitsstunden – ausnahmslos freiwillig und unentgeltlich –
in den Dienst zahlloser behinderter, kranker, alter und einsamer
Menschen gestellt. Ihnen allen gebührt großer Dank für ihren Einsatz
und ihr Zeugnis gelebter christlicher Nächstenliebe. Manche von ihnen
sind uns schon in die Ewigkeit vorausgegangen. Gott lohne ihre Mühe.
Auch allen, die dem Malteser Hospitaldienst in dieser Zeit ihre
Freundschaft erwiesen und ihn ideell und finanziell unterstützt haben,
sei anlässlich dieses Jubiläums Dank gesagt. In dieser Eucharistiefeier
danken wir über all das hinaus Gott dafür, dass er immer wieder
Menschen beruft, die wie Maria und der selige Gerhard „Mit-Liebende“
seiner Liebe werden. „Condiligentes“.
Auf die Fürbitte der Gottesmutter Maria und des heiligen Johannes des
Täufers, des Patrons des Malteserordens, schenke Gott uns allen ein
offenes, reines, liebesfähiges Herz und dem Malteser Hospitladienst
Austria auch in Zukunft seinen reichen Segen.

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