|
Einsatz der US-Malteser in New Orleans – The Post-Hurricane-Katrina Relief/Home Renovation Program
Eindrücke einer „etwas anderen Pilgerreise“ vom 24. bis 29. September 2006
Als
langjähriges Mitglied des Malteser Hospitaldienstes Austria (MHDA) in
Wien hatte ich während meines einjährigen Aufenthaltes in San Francisco
als Denkmalpflege-Architekt die unvergessliche Möglichkeit mit den
US-Maltesern im August 2006 eine Woche am ehrenamtlich organisierten
Haus-Wiederaufbau-Projekt in New Orleans mitzuwirken. Von den
Eindrücken dieser“ etwas anderen Pilgerreise“ in diese südliche Stadt
am Mississippi-Delta möchte ich hier berichten.
Eine der größten Naturkatastrophen der USA
Hurricane
Katrina war ein tropischer Wirbelsturm, der im August 2005 in den
südöstlichen Teilen der USA (besonders Florida, Louisiana mit New
Orleans, Mississippi und Alabama) mit zeitweise Orkanstärke 5 eine der
größten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA auslöste.
 Ein Luftbild des sog. „Lower 9th Ward“ nach dem Hurrikane Katrina. (Photo Ozzy Marcenaro)
Durch diesen Sturm und seine Folgen starben fast 2000 Menschen. Während
die großen Deiche des Mississippi bei New Orleans dem Sturm
standhielten, brachen zwei kleine Kanäle innerhalb des
Siedlungsgebietes. Da sich die Stadt New Orleans zwischen dem
Brackwassersee Lake Pontchartrain und dem Mississippi sowie unterhalb
des Wasserspiegels befindet, standen nach dem Bruch der Dämme bis zu
80% des Stadtgebietes, und hier besonders die niedriger liegenden
Gebiete der ärmeren, schwarzen Wohnbevölkerung, bis zu acht Meter tief
unter Wasser. Teile der durch regionale, politische Korruption und
große Armut geplagten Region im Südosten der USA gleichen noch bis
heute, ein Jahr nach dem Sturm, einem schockierendem Schlachtfeld.
Aktive Malteser in Amerika
Der
Malteser-Orden in den USA ist in die östliche „American Association“
(gegründet 1927 in New York), die südliche „Federal Association“
(gegründet 1974 in Washington D.C.) und die „Western Association“
(gegründet 1953 in San Francisco) unterteilt. Bei letzterer wurde ich
freundlich aufgenommen und konnte bei zahlreichen Aktionen zusammen mit
dem dortigen Malteser Hospitaldienst („Hospitaller Service“), wie z.B.
an Suppenausspeisungen in Slumgebieten der Innenstadt von San
Francisco, mitwirken. Zusammen mit „Malteser International“ wurde nach
den Überschwemmungen ein Hilfsprogramm entwickelt, das auf der Basis
von Spenden und ehrenamtlicher Mithilfe mehrmals im Jahr Einsätze nach
New Orleans koordiniert und sich darauf konzentriert,
unterprivilegierten Familien dabei zu helfen ihre Häuser wieder
aufzubauen.
 Unser Baustellenschild mit den teilnehmenden Organisationen.
Alle 72 aus allen Teilen der USA angereisten (und
zumeist älteren) Teilnehmer dieser zweiten Wiederaufbau-Kampagne im
September 2006 waren in einem Hotel am westlichen Rand des berühmten
„French Quarter“ von New Orleans untergebracht. Im Rahmen eines kleinen
Empfangs am ersten Abend stellten die Repräsentanten des amerikanischen
Malteser-Ordens, von „Malteser International“, der nationalen
Organisation „Rebuilding Together“ und der katholischen Erzdiözese von
New Orleans das Programm vor. Sofort war klar, dass es sich hier nicht
um einen gemütlichen, touristischen Ausflug handelte, sondern dass wir
als Glaubensgemeinde dazu aufgerufen waren, in harter Arbeit einen
kleinen Beitrag zur Nächstenliebe und Nachbarschaftshilfe zu leisten.
Zupacken aus Nächstenliebe
Tatsächlich
war ich von den hier so lebensnahen und zum ersten Mal nicht medial
gefilterten Beschreibungen der katastrophalen Wohnsituation der armen
Bevölkerung in dieser Stadt – ein Jahr nach den Dammbrüchen 2005 –
schockiert. Umgehend wurden wir mit den hochgesteckten Zielen vertraut
gemacht, die wir in nur 5 Tagen erreichen sollten: mit der Koordination
der St. Peter Claver Gemeinde und ihrem Geistlichen waren zwei
zerstörte Häuser von Familien der Pfarrgemeinde zu renovieren. Voll
Eifer trugen wir uns in Arbeits- und Teamlisten ein.
 Unser Renovierungsteam vor einem der zwei Häuser in der St. Peter Claver Gemeinde.
Für wenige
Tage tauschten die Teilnehmer der Programms ihren täglichen Beruf als
Bankdirektor, Anwalt, Architekt und Manager in Tischler,
Holzsäge-Beauftragter, Brettzuschneider, Malermeister, Wasserzubringer
und Material- oder Wergzeugkoordinator: nicht für Geld oder Prestige,
sondern aus dem starken Willen heraus, dass unsere Nachbarn in Not
geraten waren und mittellos und ohne Zuhause Hilfe brauchten. In der
Tat fühlte ich mich in diesen Tagen oft wie als Teilnehmer unserer
alljährlichen Pilgerfahrt nach Lourdes, in der wir ebenfalls zum Dienst
an unseren „Herren Kranken“, Alleingelassenen und Notleidenden gerufen
sind.
Hammer, Nägel und Jazz-Musik
Ausgerüstet mit
Frühstücksboxen und eigens für das Programm hergestellten Malteser
T-Shirts und Kappen bestiegen wir täglich um 7.30 Uhr den Bus zu den
zwei „Baustellen“. Vor Ort erhielten wir kurze und präzise Anweisungen
der Gruppenleiter. Alle waren zu Beginn eingeschüchtert durch das
komplett ungewohnte Arbeitsumfeld und die scheinbar unlösbare Aufgabe.
Doch nach kurzer Zeit hatte sich jeder in seine neue Rolle eingelebt
und entwickelte den berühmten Malteser-Enthusiasmus, der jedes mal
Unmögliches möglich machen kann. Das gesamte Holzhaus wurde von seiner
verrotteten Abdichtung, von herabhängenden Deckenbalken,
herausstehenden Nägeln und einer Schicht Schlamm befreit, der Garten
voller Abfall gereinigt und die steinernen Fundament-Aufstelzungen mit
neuen Steinlagen gestützt. Am Ende des ersten Tages war das Haus
gesäubert und renovierungsbereit und das neue Material und Werkzeug vor
Ort sicher verstaut. An jedem Tag nahmen wir unser Lunch-Paket im
Schatten der umliegenden Häuser ein, aus deren Fenster und Türen
schüchtern, überrascht und zumeist lächelnd die afro-amerikanische
Gemeinde die Helfer mit blauen Malteserkappen bestaunte. Gewissermaßen
als Gegenzug konnten wir während einer Mittagspause einen feierlichen
Begräbniszug mit Jazz-Musik bestaunen, der von der örtlichen
Gemeindekirche aus an unserer Baustelle vorbei zum lokalen Friedhof
marschierte. An einem Nachmittag hatten wir nach der Arbeit kurz die
Möglichkeit uns selbst von unserem Bus aus von der bis heute, teilweise
katastrophalen Wohnsituation in den Armenvierteln der Stadt zu
überzeugen; allen voran der sog. „Lower 9th Ward“, der bis heute weder
mit Strom und Wasser versorgt, geschweige denn auch nur ansatzweise
wiederaufgebaut worden war.
Erholung im
„French Quarter“
Nach
getaner Arbeit und kurzer Erholungspause trafen sich alle Teilnehmer
des Einsatzes zum gemeinsamen Abendessen im Hotel, bevor sich
Kleingruppen zu den zahlreichen und berühmten Jazz-Kneipen, Bars und
Cajun-Restaurants im Umfeld der sog. „Bourbon Street“ im French Quarter
aufmachten. Während unseres Aufenthaltes wurde zum ersten Jahrestag des
Hurrikanes der sog. „Louisiana Superdome“, das Stadium von New Orleans,
feierlich wieder eingeweiht, dessen Riesenhalle nach der
Flutkatastrophe tausenden Menschen Obdach bieten musste und weltweit
zum Symbol der politischen, lokalen wie nationalen Hilf- und
Ratlosigkeit während der Evakuierung aufgestiegen war. Tatsächlich
überspielten die USA-weit übertragenen Feierlichkeiten die traurige
Tatsache, dass noch heute tausende von Menschen entwurzelt als
Flüchtlinge in Wohnwägen in den ganzen USA verstreut leben müssen,
während ihre Grundstücke in ihrer Heimatstadt New Orleans bis heute
Subjekt ungezügelter Landspekulation geblieben sind.
Hl. Messe und Gospels zum Dank
Am
letzten Tag hatten wir unser Ziel erreicht: unsere zwei Häuser waren
wieder bezugsfähig und im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens konnten
wir sie den jeweiligen, sichtbar gerührten Familienangehörigen – unter
ihnen ein 100 jähriger Ur-ur-großvater – übergeben. Zu den
berührendsten Momenten gehörte aber unsere gemeinsame Hl. Messe in der
frisch renovierten Gemeindekirche St. Peter Claver: Während Pfarrer
Mike die Motivation unserer Malteser-Kampagne erklärte, erhoben sich
hunderte, festtäglich gekleidete Kinder (deren Familien ebenfalls alle
ihr Zuhause verloren hatten) von ihren Bänken und beschenkten uns mit
minutenlangen Gospel-Gesängen und stehenden Ovationen. Genau in diesem
Moment wurde mir wieder klar, dass wir alle gerade in einer Welt der
zunehmenden, politischen Vereinfachung und Einteilung in gut und böse,
schwarz und weiß, reich und arm diese ganz persönlichen, individuellen
und glaubensbestärkenden Erlebnisse der direkten Solidarität und
Mitmenschlichkeit bedürfen, die uns als eine große Gemeinschaft über
alle Barrieren hinweg in Gott vereinen kann.

|
 |
|