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Ungarn 1956 - die abenteuerliche Geschichte einer Flucht
Wie der aktuelle Botschafter des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens
(SMRO) in Ungarn, Erich Kussbach, vor den Sowjets im November 1956 aus
Budapest floh und warum er einer der ersten war, der als Flüchtling
nach Österreich kam.
Der ehemalige Botschafter der Republik
Österreich in Ungarn und derzeitige Botschafter des SMRO in unserem
Nachbarland gehört zu jenen ehemaligen ungarischen Staatsbürgern, deren
Familiengeschichte schon eine ganze Bibliothek füllen könnte. Die
50-Jahr-Feierlichkeiten des Malteser Hospitaldienst Austria (MHDA) im
Juni 2007, zu Ehren seiner offiziellen Gründung, sind Anlass genug die
außergewöhnliche Vita des Diplomaten Kussbach zu beleuchten.
 Der ungarische SMRO-Botschafter beim Abschreiten der Ehrenformation.
Prof. Dr. Erich Kussbach entstammt einer alten
ungarischen Familie, die zur deutschsprachigen Minderheit des Landes
zählte. Der Großvater väterlicherseits kam aus dem Böhmischen Tachau,
von wo er nach Ungarn auswanderte und dort Gutsverwalter der Familie
Windisch-Grätz in Sárospatak wurde. Kussbachs mütterlicher Großvater,
Dr. Bleyer fand sich nach Niederschlagung der Kommune im Kabinett der
ungarischen Regierung von 1919 an als Minister für Minderheitenschutz
wieder. Er trat für die kulturellen Rechte der deutschen Minderheit
ein, insbesondere für die Zulassung deutschsprachiger Volksschulen.
Bewegte Familiengeschichte
Der
Vater des SMRO-Botschafters, Dr. Franz Kussbach, Rechtsanwalt im Ungarn
der Zwischenkriegszeit, stellte sich in den Wirren des 2. Weltkriegs
aktiv auf die Seite des Widerstandes, verhalf vielen jüdischen
Berufskollegen und Freunden zur Flucht und wurde nach Besetzung Ungarns
durch die Wehrmacht 1944 selbst zum Opfer der Gestapo und ins KZ Dachau
deportiert. Er überlebte den unmenschlichen Todesmarsch ins
Ötztal/Tirol nur knapp, da er bei den Strapazen ohnmächtig in einen
Straßengraben fiel und dies den Peinigern nicht bewusst war. Sie hätten
ihn sonst umgehend erschossen. Am nächsten Morgen ließ der örtliche
Pfarrer alle Toten „einsammeln“, um ihnen ein würdiges Begräbnis zuteil
werden zu lassen. Doch der Bauer, der mit seinem Karren den Leichenberg
transportierte, bemerkte ein leises Wimmern unter den Toten. Er fuhr
den Wagen überrascht in den Pfarrhof, Franz Kussbach wurde gerettet.
 SMRO-Botschafter
Erich Kussbach im Frühjahr 2005 bei der Überreichung seiner
Beglaubigungsurkunde an den damaligen ungarischen Staatspräsident Dr.
Ferenc Mádl.
SMRO
Botschafter Erich Kussbach ging in Budapest ins Piaristengymnasium,
studierte anschließend Jus in Budapest und stieß 1956 zum Ungarischen
Roten Kreuz (RK), wo er als Völkerrechtsberater tätig war. Als Ende
Oktober 1956 die ungarische Revolution losbrach, wurde Kussbach mit
zwei Medizinstudenten auf den Budapester Flughafen entsandt, um die
ausländischen Hilfstransporte in Empfang zu nehmen und zu überwachen.
Am 30. Oktober 1956 besetzen die Sowjetischen Truppen den Flughafen
Ferihegy bei Budapest. Damit waren die drei jungen Ungarn, unter ihnen
Erich Kussbach, die ersten Gefangenen der Russischen Besatzer. Und dann
geschah das Wunder, das den drei jungen Männern das Leben rettete …
Der Fall Pedrazzini
Der
Fall Pedrazzini wurde weltweit berühmt, in seiner ganzen Tragik, und
doch barg er die Chance zur Flucht aus dem Desaster … Jean-Pierre
Pedrazzini war französischer Korrespondent des Magazins „Paris Match“
und als solcher nach Budapest gereist, um die chaotischen Zustände des
Oktober 1956 für seine Redaktion festzuhalten. So wurde er Zeuge von
Straßenschlachten, unter anderem des bewaffneten Kampfes zwischen den
Aufständischen (Konterrevolutionären, wie sie die ungarische Führung
nannte) und den Verteidigern der Kommunistischen Partei (KP) Ungarns
vor der KP-Zentrale in Budapest. Als ein Kind angeschossen zu Boden
sank, wollte der Reporter Pedrazzini dem Kind helfen, es aus der
Schusszone befreien und erlitt selbst einen Bauchschuss. Er wurde
umgehend in Budapest operiert, seine französische Familie jedoch
bestand darauf, ihn aus der Gefahrenzone herauszuholen und nach Paris
bringen zu lassen.
So verhandelten das ungarische und das
internationale RK, sowie der französische Botschafter mit den Besatzern
des Flughafens, damit ein Österreichischer Sportflieger auf dem
gesperrten Flugfeld landen könne, was zuerst verweigert wurde. Nach
zähem Ringen war es nun doch soweit, die kleine, 2-motorige Maschine
durfte sich am 1. November nachmittags Budapest nähern. Unsere drei
jungen Ungarn wurden nach wie vor am Flughafen festgehalten…
Abenteuerliche Flucht aus Ungarn
Einer
der Medizinstudenten überredete den Piloten der Österreichischen
Maschine sie mitzunehmen. So besorgte er drei weiße Kittel, Erich
Kussbach und die beiden Studenten bestiegen, umringt von sowjetischen
Soldaten, die nicht nach ihrer Identität fragten, als Ärzte getarnt,
den Sportflieger. Sie halfen der Rettungs-Crew beim Einladen des
Patienten Jean-Pierre Pedrazzini und flogen so am 1. November 1956 nach
Österreich … allerdings verflog sich der Pilot um viele Kilometer aus
Schlechtwetter-Gründen, verlor die Donau aus den Augen; und so machten
sie einen unfreiwilligen Abstecher über tschechoslowakisches
Hoheitsgebiet, was erst bemerkt wurde, als der tschechische Tower zur
Umkehr zwang, unter Androhung von schwerem Beschuss. Kurz darauf gab es
Funkkontakt mit Schwechat, Ankunft in Wien.
Erich Kussbach war
es gelungen, noch am Tag des Abfluges, dem 1. November, mit seinem in
Budapest festsitzenden Vater zu telefonieren. Franz Kussbach teilte in
dem Gespräch seinem Sohn unbesorgt mit, was viele Ungarn fälschlicher
Weise dachten: „Wir in Budapest haben es schon überstanden!“. Dass die
Sowjets schon am Flughafen Ferihegy standen, konnte Erich Kussbach
seinem Vater nicht mitteilen. Frei zu sprechen war ihm, dem Russischen
Gefangenen, nicht möglich. Am 4. November 1956 standen die Sowjetischen
Truppen in Budapest und schlugen die Revolution nieder und damit den
Traum von Freiheit.
Kussbachs Eltern überstanden die folgenden
Schreckensjahre mit Mühen, aber doch mit einem gewissen Schutz, der den
meisten Ungarn nicht zuteil wurde. Dr. Franz Kussbach war viele Jahre
Anwalt der Österreichischen Gesandtschaft in Budapest. Da er sich
weigerte in eine ungarische Anwalts-Arbeitsgemeinschaft einzutreten,
wurde er mit einem Berufsverbot belegt, das mithilfe seines Freundes
(die beiden kannten sich aus der Gefangenschaft in Dachau) und
damaligen österreichischen Außenministers, Dr. Leopold Figl, wieder
aufgehoben wurde. Figl war es auch, der Kussbachs Eltern 1961 zur
Ausreise nach Österreich verhalf.
Flüchtling nach der Genfer Flüchtlingskonvention
Wie
ging es mit dem gestrandeten Erich Kussbach in Wien weiter? Nun,
zunächst war ihm nicht klar, dass er Flüchtling war. Die Ausreise war
schließlich nur für die drei vermeintlichen Ärzte zu diesem Zeitpunkt
schwierig gewesen, da bis zum 4. November noch die Grenzen offen waren.
Da aber Kussbach am Flughafen von Sowjets bewacht wurde, war die
Ausreise zunächst einmal eine „Flucht vom Flughafen“. Er wollte
eigentlich sobald wie möglich wieder in die ungarische Heimat zurück,
doch ab dem 4. November wusste er, dass sein Aufenthalt von Dauer sein
würde. Ab diesem Zeitpunkt war ihm, dem Völkerrechtsexperten, klar: wir
drei „Ärzte“ waren die ersten Flüchtlinge nach der Genfer
Flüchtlingskonvention der Oktoberrevolution in Ungarn.
Die Ungarnkrise als Geburtsstunde des MHDA
In
den Wochen danach brach über Österreich die Flüchtlingswelle herein,
die zur größten Hilfsaktion der Österreichischen Nachkriegsgeschichte
wurde und eine Lawine der Solidarität auslöste, auch international, die
ihr Beispiel sucht. Nicht zuletzt war dies die Geburtsstunde des
Malteser Hospitaldienst Austria (MHDA), dessen offizielle Gründung im
Juni 2007 bundesweit gefeiert werden wird (siehe Artikel S.3ff und
S.23).
Erich Kussbach blieb in Wien, wo er sich als Diplomat der Republik
Österreich einen Namen machte. Viele Auslandsposten folgten, so auch
als Österreichischer Botschafter in Budapest in den 1990er Jahren. Eine
kleine Wiedergutmachung … vielleicht …

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