Malteser Kreuz

Predigt von Kardinal Dr. Christoph Schönborn

Liebe Brüder und Schwestern! Die Lesungen des heutigen Tages sind wie ausgewählt für diesen Gottesdienst, in dem wir für Fra´ Wilhelm beten, ihn in das eucharistische Opfer hinein nehmen und ihn der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters empfehlen. Da sind die wunderbaren Worte des Propheten Jesaja. Die Worte voller Hoffnung, die Vision einer großen Heimkehr. Für uns im Glauben ist diese Heimkehr jener letzte Weg den Fra´ Wilhelm gegangen ist und geht: der Weg ins himmlische Jerusalem.


Aber wir, die wir auf Erden zurück bleiben, uns mag es gut tun, das Evangelium heute zu betrachten. Jene Episode, die uns so tief in die Berufung des Malteserordens hineinführen kann und die uns gleichzeitig so anschaulich zeigt, was unsere Hoffnung ist. Versuchen wir uns die Szenen vor Augen zu stellen: Jesus lehrt in einem Haus, es ist ein großes Gedränge, das Haus ist übervoll. Schriftgelehrte, Pharisäer, einfaches Volk, alle wollen ihn hören, ihn berühren, in seiner Nähe sein. Da kommen einige Männer mit einem Gelähmten den sie auf einer Tragbahre daherbringen. Und da es unmöglich ist hineinzukommen in das Haus, greifen sie zu einem unmöglichen und unverschämten Mittel. Sie steigen auf das Dach und decken es ab. Der Hausbesitzer wird sich gefreut haben … Und direkt vor Jesus lassen sie den Gelähmten auf der Tragbahre an Stricken herunter.

Diese vier Männer – ein anderer Evangelist sagt es waren vier, Lukas sagt es waren „einige“ –, ich sehe ich ihnen so etwas wie das große Anliegen des Malteser Hilfsdienstes dem Fra´ Wilhelm so viel seiner Kraft, seiner Liebe und seiner Aufmerksamkeit gewidmet hat. Einfach zugreifen, zupacken, helfen ohne viel zu fragen, sich von keinem Hindernis zurückhalten lassen, wenn es um Hilfe geht. Ich denke, der Mut dieser Männer ist ein schönes Bild für den Dienst an „den Herren Kranken“.

Aber ein zweites lässt mich an die Berufung von Fra´ Wilhelm, die Berufung des Malteserordens denken. Sie bringen den Gelähmten vor Jesus hin. Sie wollen unbedingt, dass er direkt zu Jesus kommt. Sie haben ein unglaubliches Vertrauen in Jesus, in seine Macht, in seine Liebe zu den Kranken. Und deshalb wagen sie alles, um diesen Gelähmten zu Jesus zu bringen. Nun heißt es, eigenartig im Evangelium: „Als Jesus ihren Glauben sah“. Nicht den Glauben des Gelähmten, sondern den Glauben derer, die ihn zu Jesus gebracht haben. Dieses Vertrauen, diesen Glauben, den sieht Jesus und er ist, fasst möchte ich sagen, davon ergriffen, „als er ihren Glauben sah“.

Der Heilige Augustinus hat über diese Stelle meditiert und sich gefragt: Was bedeutet es, dass der Glaube anderer eine solche Heilskraft haben kann – „fides aliorum“. Es war der Glaube seiner Eltern die ihn zur Taufe gebracht haben. Jeder von uns ist in seinem Glaubensweg und in seinem Lebensweg in vielfältigster Weise durch den Glauben der anderen getragen worden. Den Glauben der Eltern, den Glauben einer glaubenden Gemeinschaft und letztlich den Glauben der Kirche, der uns alle trägt. „Fides aliorum“, der Glaube der anderen, der diesen Gelähmten zu Jesus bringt; der Glaube der anderen, der uns zu Jesus bringt.

Ist das gerade in unserer Zeit nicht eine der schönsten Ausdrucksweisen unserer Berufung? Stellvertretend, eintretend für die anderen zu glauben. Es wird uns nicht gesagt, ob dieser Gelähmte gläubig war oder nicht. Es wird uns nur gesagt, dass es Männer gegeben hat, die Glauben hatten und ihn zu Jesus brachten. Ist das nicht ein wunderbarer Ausdruck für das, was die Berufung des Christen heute ist? Im Glauben andere zu Jesus zu bringen. Für andere zu glauben, andere im Glauben zu tragen. Und ist es nicht ein schönes Bild für das, was der Malteserorden in seiner tiefsten Berufung hat: Mutige Schritte zu wagen um Menschen zu helfen und zu Jesus zu bringen.

Aber da ist noch eine dritte Dimension: Der Gelähmte selber. In gewisser Weise sind wir alle dieser Gelähmte, dürfen wir uns alle in diesem Gelähmten wieder finden, der durch den mutigen Glauben anderer zu Jesus gebracht wird. Ich möchte auf eine Dimension hinweisen, die vielleicht nicht sofort sichtbar wird in diesem Evangelium, die aber in dieser Stunde besonders wichtig ist.

Nicht nur hier auf Erden gibt es Helfer, Männer und Frauen, die uns zu Jesus tragen, sondern es gibt sie auch und vor allem in der Gemeinschaft der himmlischen Kirche: die Heiligen und die Engel. Ist es nicht so, dass sie uns schon in unserem irdischen Leben tragen und uns helfen?

Der sterbliche Leib von Fra´ Wilhelm wird ins Grab gesenkt und es ist ein ganz ähnliches Bild wenn wir auf einem Friedhof sehen, wie Männer mit Stricken einen Toten hinuntersenken in das Grab. Aber glauben wir nicht auch an eine andere Bewegung? Dass die Seele, das Innerste des Menschen hinaufgetragen wird zu Gott, gewissermaßen zu Christus hin getragen wird vom Gebet der Heiligen, von der Hilfe der Engel, vom Glauben der Kirche. Direkt vor Jesus hin, direkt vor den, den Mozart uns eben im „Dies irae“ so eindrucksvoll als den „Rex tremendae majestatis“ vor Augen geführt hat, und der doch der „Pie Jesu Domine“ ist, den das „Dies irae“ am Schluss besingt, der gütige Herr Jesus. Nun spricht Jesus zu dem Gelähmten, und wir dürfen auch sagen zu dem Verstorbenen, der auf der Bahre liegt und sich nicht helfen kann: „Steh auf und geh nach Hause!“ Ist es nicht genau das, was wir erhoffen, wenn wir für unsere Verstorbenen beten?

Ja, steh auf und geh nach Hause! Das sagt Jesus auch zu Fra´ Wilhelm, den wir im Glauben, im Gebet, mit der Hilfe der Heiligen und der Engel, und vor allem in der Kraft der Eucharistie in dieser Stunde vor Jesus hintragen. Jesus sagt zu ihm: „Kind, deine Sünden sind dir vergeben. Steh auf und geht nach Hause.“ In das Vaterhaus, wo Gott der barmherzige Vater Dich erwartet.

Amen.

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Letztes Update dieser Seite: Montag, 8. Januar 2007 um 20:46:32 Uhr
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