Malteser Kreuz

Wann beginnt Rom? Eine Pilgerfahrt aus Sicht eines Einsatzleitenden

Die Idee
Es war im Herbst 2002, als die Idee erstmals in der Ferne dämmerte, sich der Verantwortung für die Organisation der „Mutter der Malteser Einsätze“ (© Erik Bolldorf ) zu nähern. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Rom als Malteser 2 mal erlebt gehabt: Als frisch aufgenommener Ordensritter und Mitglied des Hospitaldienstes 1995, als Teamleiter 2000. Beide Erlebnisse haben sich dauerhaft in meiner Erinnerung festgesetzt, und mich nicht mehr losgelassen.

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Aus den Erfahrungen
Ich kann mich gut erinnern, wie ich staunend 1995 – wie in einer nicht enden wollenden Wolke von Eindrücken durch diese Woche gereist bin: wachsendes Kerzenmeer in den Domitilla Katakomben; „Von guten Mächten“ gesungen in Trastevere, Tränen; persönliche Begegnung mit dem Hl. Vater Johannes Paul II +; Heiterkeit am Abend, Müdigkeit spätestens ab dem 3. Tag ein ständiger Begleiter, eine Hl. Messe am Aventin mit Blick über Rom zum Petersdom … Oder 2000: Mächtiges Pantheon, Regen am Aventin, Schutz in Sta. Sabina, danach köstliches Essen in der Villa Malta, ein unvergesslicher Nachmittag in Castel Gandolfo. Es mag sein, dass diese Abkürzungen für jemanden, der nicht dabei war, etwas abstrakt klingen, und vielleicht sind sie es auch. Nur, der Einsatz in Rom zeigt andere Aspekte der Spiritualität unseres Ordens und unserer Hilfswerke, als wir sie beispielsweise in Lourdes oder anderen Wallfahrten, in unseren Sonderdiensten und in unserer täglichen Arbeit als Malteser erleben, und doch die gleichen: Es ist für mich die Symbiose aus dem Wesentlichen, dem Kern unserer Arbeit, im geographischen Zentrum unserer Kirche; mit dem, was es für mich ausmacht, Malteser zu sein: Glauben, Menschlichkeit, Zuversicht, Heiterkeit.

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Einsatzleiter Gunhard Keil: immer heiter und gelassen.

Erste Schritte
Mit der Zustimmung des Rates, die Verantwortung für Rom übernehmen zu dürfen, hatte ich eine Idee, wie diese Woche aussehen würde, was der Grundgedanke, das Leitmotiv sein müsse. Und ich hatte keine Ahnung, was sonst noch auf mich, wenig später auf uns – das Team von Rom – zukommen würde. Wo wohnen – es gibt nicht viele Alternativen in Rom, wo 400 Menschen, davon mehr als ein Viertel Menschen mit Behinderung, an einem Ort wohnen können. Es wurden in der Vergangenheit mehrere Häuser evaluiert, übrig als praktikable Lösung blieb das ehemalige domus pacis, jetzt Torre Rossa Parkhotel. Ebenerdig erreichbare Zimmer, Rampen, die Infrastruktur weitgehend rollstuhltauglich, ausgenommen man hat renovierte Zimmer, hier wurden die Türen durch eingeschobene zargen so schmal, dass man mit Rollstühlen nicht mehr hineinkam, wie wir später feststellen mussten. Und es war bereits voll gebucht, als wir im Jahr 2003 anfragten. Erst nach mehreren Urgenzen haben wir schliesslich doch eine Zusage erhalten, Ausweichquartiere wären schwierig geworden. Man kann lernen, wie reines Marketing durch Namen wirkt, die Preissteigerung hat die Investition der Fernseher auf den Zimmern mehr als nur gerechtfertigt.

Besuche in Rom
Nachdem sich das Kernteam erst „formiert“, dann „reformiert“ hatte wurde es schliesslich „informiert; es kam zu den ersten Besuchen in Rom – die Reise zur Seligsprechung von Fürst Ladislaus Batthyany-Strattmann, Augen- und Blindenarzt war gewissermassen die erste „Probeund Erkundungsfahrt“, es folgten weitere in kleinerem Rahmen, bis – durch phasenweise Unterstützung durch Don Antonio Tedesco und das deutsche Pilgerzentrum in Rom das Programm feststand: San Giovanni in Lateran – Antikes Rom – Domitilla Katakomben – Audienz – St. Peter – Sixtina – barockes Rom – Pantheon – Villa Malta – Ostia Antica – Trastevere – San Paolo fuori le Mura – Abreise. So kurz es sich hier liest, habe ich Rom dann auch erlebt – in einem Sinne. Doch nochmals zu den Vorbereitungen: Nach insgesamt 3 offiziellen und 2 privaten Missionen nach Rom waren vorerst und scheinbar alle Rahmenbedingungen, Details und Voraussetzungen für eine gelungene Pilgerfahrt nach Rom geklärt.

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Ankunft am Bahnhof Ostiense: Mit dem Kommandanten an der
Spitze „erobern“ die österreichischen Malteser Rom.

Ein finanzielles Projekt
Es galt nun, die finanzielle Durchführbarkeit zu klären. Vielleicht hilft es, wenn ich sage, dass nur ca. 50% des Aufwands durch Beiträge direkt gedeckt sind. Nun sind zwar knapp 1.000 Euro für eine Woche Rom „all inclusive“ sicher nicht sehr viel, auf der anderen Seite für viele unserer Mitfahrenden knapp vor oder nach der Machbarkeitsgrenze. Wieder das Team von Rom – eine Gruppe von melitensischen Veteranen hat sich zusammengetan, um Rom als Projekt besser zu vermarkten und auch Sponsoren dafür gewinnen zu können; der Bogen spannt sich weit. Von den Mund- und Fussmalern, den österreichischen Bundesbahnen, über viele andere grossartige Spender, die zum Teil ungenannt bleiben möchten, haben das Projekt Rom und damit alle unterstützt, denen der Auftrag „… dem nächsten in Liebe begegnen, vor allem den Armen und unseren Herrn Kranken“ anliegen ist. Durch diese und weitere Aktionen, die in den einzelnen Bereichen liefen, war die finanzielle Machbarkeit gesichert. Hier und immer wieder – Danke allen, die durch ihre Beiträge die Fahrt nach Rom ermöglicht haben.

Änderungen
April 2005: Inzwischen war alles bestellt, geplant, organisiert, es schien, als wären Zwischenfälle nicht mehr möglich. Am 2. April stirbt der Hl. Vater, Papst Johannes Paul II. Im Vatikan werden viele Positionen neu besetzt, Kompetenzen neu verteilt – und unser Programmablauf wird wieder vage. Ich werde von meinen Rom-Vorgängern beruhigt, es sei ohnedies normal, in Rom könne man nichts planen. Ein lustiger Zugang, wenn man für 400 Personen verantwortlich ist, nur leider wahr. Ich mache es kurz: Wir haben bis zum Ende Änderungen erlebt: Das Picknick vom Vatikanischen Bahnhof wurde auf die Engelsburg verlegt, die Erlaubnis erhielten wir am 24. Oktober, den Tag unserer Ankunft; die Bestätigung, daß wir in Ostia Antica Tische aufstellen dürfen, haben wir am Vortag um 15.00 gekriegt… ein einigermaßen stabiles Nervenkostüm ist von Vorteil. Das war nur möglich, weil sich während der ganzen Zeit Malteser und Freunde unterstützend um Kontakte bemüht haben: Toni Gatnar, Richard Steeb für den Orden, Michael Polzer, Giovanna und Lacy Batthyany und viele weitere. Danke auch Ihnen.

Alter Ego
Danke Detti, daß Du Max unterstützt hast, mich zu unterstützen. Max Lobmeyr übernahm im Frühjahr die Verantwortung, gemeinsam mit mir diesen Einsatz zu gestalten und zu leiten, für die Finanzen war er schon zuständig. Bis zu diesem Zeitpunkt hing (fast) alles, vor allem die Kommunikation und die letzten Entscheidungen an mir, vor allem aber fehlte mir manchmal der Sparringpartner, um bestimmte Themen wie den spirituellen Ablauf, Einteilung der Teams, der Teamleiter zu diskutieren, Details, die mir entgangen waren, sind ihm aufgefallen, andere wieder mir. Der gemeinsame Vorteil war, daß wir zwar sehr ähnliche Werte, aber doch unterschiedliche Zugänge haben – und damit dialektisch häufig bessere Lösungen gefunden haben, als jeder für sich alleine.

Die letzten Tage vor Rom…
waren arbeitsintensiv, anstrengend. Das Buch für Rom wurde 3 Tage vor Abfahrt geliefert, die letzten Änderungen der Anmeldelisten kamen erwartungsgemäß auf uns zu, es war klar, daß wir alle Teameinteilungen nur wenige Tage vor Abfahrt beginnen konnten, Alix und Erwin Bolldorf stellten uns Büro, Räume Essen und Zuspruch zur Verfügung, Pius Aretin kannte als Meister der Listen und Datenbanken inzwischen alle Personen zumindest nach Namen und Geburtstdatum, der Familie von Pius, Fanny, Felix, Bernadette und Freunden ist es zu verdanken, daß jeder der Mitreisenden Namensund Kofferschilder hatte. Kaum ein Abend, der vor 4.00 enden wollte, kaum ein Morgen, der nach 7.00 begann. Am Samstag Nachmittag die Besichtigung des Zuges – neue Waggons, andere Aufteilung und: mehrere Stunden Arbeit was die Zugeinteilung betraf für nichts. Alles neu machen. Statt Samstag gemütlich früh ins Bett wurde es wieder… später. Schlafentzug wird zum Prinzip, die nächsten Tage ist ähnliches zu erwarten. Dann die üblichen Hiobsbotschaften: Die Italienischen Staatsbahnen kommen kurz vor Abreise drauf, daß sie unsere Lastwägen nicht auf den Tiefladern erlauben, wir müssen sie über die Strasse schicken, ähnliches geschieht mit den Begleitfahrzeugen; diese kommen nicht über die Schwellen der Tieflader – wir müssen auch diese über die Strasse nach Rom schicken. Schliesslich bleiben nur mehr die Motorräder, die eigentlich als nebensächliches „Adabei“ gedacht waren und ein Begleitfahrzeug auf den Tiefladern. Das Personal in den Fahrzeugen geht uns im Zug ab und wird uns an den letzten Tagen fehlen… aber wir sind zuversichtlich; es wird gehen, alles wird funktionieren.

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Für das Gruppenfoto vor San Giovanni in Laterano war doch viel Geduld notwendig, die aber alle gerne aufbrachten.

Schliesslich in Rom…
daß wir am falschen Bahnsteig ankommen, ist inzwischen Tradition. Ich will darauf nicht weiter eingehen, es waren halt zu der Verspätung noch 45 Minuten dazu. Mir war nur eines klar: Wenn immer es geht – das Programm muß halten. Dass wir den Zug in 45 Minuten in die Busse entladen hatten, schien mir fast wie ein kleines Wunder, „Unser Kardinal“ Christoph Schönborn hatte ausreichend Zeitreserve, also gab es ein Gruppenbild mit Kardinal und Ordensregierung und eine wunderschöne erste Hl. Messe in San Giovanni in Laterano. Die weiteren Tage liefen für mich so ab, wie ich es im ersten Absatz geschrieben hatte – in Stichworten. Kaum hatte ein Ereignis begonnen und war abzusehen, daß nichts mehr geschehen konnte, war es innerlich abgehakt, und ich war mit meiner Aufmerksamkeit beim nächsten. Das ging so weit, daß folgendes geschah: Mittwoch haben sich alle mitreisenden Familienmitglieder versammelt und wollten gemeinsam auf der Piazza Navona ein Mittagessen einnehmen .Als alle da waren, wollte ich aufstehen und gehen, schließlich hatte es ja „erfolgreich begonnen“. Ich blieb dann doch zum Essen

Warum Rom.
Das weitere Programm war beschrieben. Wir hatten starke Verbündete für eine gelungene Woche, eine wunderschöne Stadt, ein außergewöhnliches Programm. St. Peter hatte ein Einsehen und schenkte uns ein Wetter, wie wir es uns zu wünschen nicht gewagt hätten. Grosse Hilfe für ein anspruchsvolles Vorhaben, was aber keine Antwort für das „Warum Rom?“ liefert. Spiritualität, Berufung, das Gefühl, einen Auftrag erfüllen, einer Verantwortung gerecht werden zu müssen. Ein starkes Moment für mich war die Idee der Malteserfamilie - verwirklicht in einem eigenen Team, in dem Eltern mit ihren Kindern, teilweise schon recht erwachsenen Kindern, sich gemeinsam für Betreute sorgen. So hat es mich persönlich besonders gefreut, daß diese Idee im Rahmen dieses Zuges verwirklicht wurde und in der abschließenden Ansprache unseres Hospitaliers, Norbert Grafen Salburg-Falkenstein, nochmals bestätigt wurde. Also viele Gründe. Und jeder, der mitgefahren ist, wird seine eigenen, ganz persönlichen haben, und alle sind gut.

Nach Rom.
Wir sind daran, die Erfahrungen zu sammeln und sortieren, für zukünftige Verantwortliche von Grosseinsätzen festzuhalten. Vieles taucht jetzt, in der Erinnerung oder beim Betrachten der Photographien wieder auf, Augenblicke, die ich zwar gesehen, aber nicht erlebt habe. Abschliessend kann ich mich nur wiederholen und das schreiben, was ich in St. Paul vor den Mauern, die Malteser direkt ansprechend, gesagt habe: „Es gibt zwei Elemente, die ich jedem zukünftigen Einsatzleiter wünschen kann: Dieses Wetter, und jeden einzelnen von Euch, das Team von Rom, Danke!“

  •  Gunhard Keil

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Letztes Update dieser Seite: Dienstag, 20. Dezember 2005 um 21:54:36 Uhr
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