Malteser Kreuz

Aus der Rede von Prof. Heinz Nußbaumer

Drei kurze Vorbemerkungen: 1. Ich bewundere die Malteser - ihr soziales, caritatives und spirituelles Wirken wurzelt tief in der Geschichte und strahlt weit in die Welt hinaus. Das Malteserkreuz gehört für mich zu den großen Hoffnungszeichen des christlichen Glaubens und der Mitmenschlichkeit – auch in unserem Land.

2. Ich genieße die Freundschaft und Fürsorge meines Freundes Joachim Huber. In vielen gesundheitlich dunklen Stunden meines Lebens ist er mir auf hingebungsvolle Weise beigestanden – und ich weiß, dass er das Tag für Tag auch bei so vielen anderen tut, die ihn brauchen.

Ich kenne aber auch – und das ist mein dritter Punkt - die strenge Ermahnung, die schon der weise König Salomo allen Festrednern und Laudatoren mitgegeben hat. Sie heißt: "Zuviel Honig essen ist nicht gut. Und ebenso spare mit ehrenden Worten! Im Foyer der Comedie Francaise in Paris steht noch heute der mit brüchigem, dunklem Leder bezogene berühmteste Stuhl der Theatergeschichte. Auf ihm sitzend, spielte Moliere einst seinen "Eingebildeten Kranken". Wie kein anderes Werk der Weltliteratur fasst diese Komödie all das zusammen, was Dichter den Ärzten und Heilern über die Jahrtausende immer wieder nachgesagt und buchstäblich angedichtet haben: nämlich ein allzu bescheidenes Wissen über den wahren Zustand der Menschen - oft verbunden mit einem allzu ausgeprägten Sinn fürs Materielle und einem Selbstbewusstsein bis an die Ränder der Gottesnähe. Ich behaupte, hier wird so etwas wie Eifersucht und Misstrauen spürbar – ja vielleicht sogar ein Hauch von "Hass auf die Ähnlichen". Denn beide – Dichter und Ärzte – haben ja letztlich dasselbe Ziel im Visier: den Menschen mit all seinen Schwächen und Verletzlichkeiten. Beide – Ärzte und Dichter – lieben den hüllenlosen Blick in das innere ihrer Opfer.

Beide registrieren mit Neugier, was ihnen ihr schutzloses Gegenüber an äußeren Zeichen inneren Aufruhrs bietet: den kalten Schweiß, den rasenden Puls, den schlechten Atem, die Röte und Blässe – von Liebe und Verzweiflung, von Glück und Angst.

Und beide versuchen, mit den Sonden und feinen Antennen ihrer Kunst auch das zu ertasten, was ihnen die Außenseite verbergen könnte.
Bei soviel Nähe ist Konkurrenz und Rivalität um die bessere Menschenkenntnis begreiflich, ja unvermeidlich.

Was die großen Schriftsteller an den Ärzten gesündigt haben, das haben viele kleine wieder gut gemacht. Autoren, die keiner kennt, haben Romane für Millionen Leser geschrieben, in deren Zentrum stets ein strahlender Held steht: der Arzt. Hier verklärt sich die sonst tausendfach beschriebene Arroganz der "Halbgötter in Weiß" zu väterlicher Allwissenheit.
Egal ob es nun ein "Dr. Berger", "Dr. Haller" oder "Dr. Huber" ist – im "Ärzteroman" trägt er seinen weißen Mantel wie die schimmernde Rüstung eines geheimen Ritterordens – Sie sehen, wir sind ja gar nicht so weit weg vom heutigen Thema –, der sich dem Unschuldigen gerade in der Not auf wunderbare Weise offenbart.

Seit Jahrtausenden leben Dichter und Ärzte in diesem Spannungsverhältnis von Abwehr und Faszination – beides sind ja Zeichen einer inneren Nähe, die sich aus Neugier und Faszination am Menschen speist. Und so ist es wohl auch kein Wunder, dass die Menschheitsgeschichte – die Kultur- und Zivilisationsgeschichte - randvoll ist von großen Persönlichkeiten, die die Grenzen zwischen beiden Berufen und Berufungen übersprungen haben. Die mit Leidenschaft beides waren: Arzt und Dichter.

Pointiert wie kein anderer hat Anton Tschechow diese spannende – und oft auch spannungsvolle Doppelexistenz beschrieben – und ich zitiere: "Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur aber meine Geliebte. Wenn mir die eine auf die Nerven fällt, nächtige ich bei der anderen. Und beide verlieren nicht durch meinen Treuebruch. Denn hätte ich nicht meine Medizin, so würde ich in meinen Mußestunden meine überflüssigen Gedanken wohl kaum der Literatur widmen …

Seite ausdrucken: einfach hier klicken!

 

Letztes Update dieser Seite: Mittwoch, 22. Dezember 2004 um 21:37:11 Uhr
© 2012 - Malteser Kreuz