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Santiago: Am Anfang ist der Weg ...
Vor einigen Jahren haben mich zwei meiner Söhne eingeladen, mit ihnen 52 km zu Fuß vom Mürztal nach Mariazell zu gehen. Dieser Tag – oder dieser Weg – war etwas ganz besonderes, der Tau im Wald im Morgengrauen, die Hitze des Tages, die Nähe zu den Söhnen, die Gespräche, aber auch das Verstehen im Schweigen, der Glanz in den Augen am Ende des Tages, all das hat sich tief eingeprägt.
 Gäste und Malteser beim Aufbruch.
Als dann in dieser Zeit deutlich wurde, daß die Zugfahrt von und nach Lourdes ein Ablaufdatum bekommen hat, da kreisten meine Gedanken immer mehr um den Weg schlechthin, um den Camino nach Santiago de Compostela. Einschlägige Lektüre, Suche im Internet und Gespräche mit Vorbelasteten (herzliches Danke meiner Nichte fürs Vorausgehen) haben ein Gerüst wachsen lassen, das den Segen des Rates bekam. Weil ich keine reine Autofahrt machen wollte, bin ich in den nächsten Monaten den Weg noch einige Male abschnittsweise in Reiseführen, auf Karten und in Tagebüchern abgegangen, um jene Strecken zu finden, die sich für unsere Betreuten im Rolli eignen.
Spannend bis zuletzt war die Quartiersuche. In den Pilgerherbergen kann man nicht reservieren, andere Betriebe beantworten weder Fax noch Mail. Aber immerhin habe ich zwei Tage vor der Abfahrt die letzte Reservierungsbestätigung erhalten. Schließlich fehlte nur noch der Reisesegen, die Zurückbleibenden sangen "and till we meet again may God hold you in the palm of His hands", dann machten wir uns vom Innsbrucker Dom zu St. Jakob auf den Weg nach Santiago. Über Genua, die Riviera, die Cote d’ Azur ging es nach Lourdes und dann nach St. Jean Pied de Port, dem Ausgangspunkt für viele Fußpilger. Nieselregen in den Pyrenäen und der verspätete Aufbruch (Bettenbau à la Lourdes ist ziemlich zeitaufwendig) haben einen ersten längeren Fußmarsch verhindert.

In Cizur Menor nahe Pamplona begrüßte uns der Delegat von Navarra, Joaquín Ignacio Mencos, Marqués de la Real Defensa. Diese Pilgerherberge ist nicht die einzige Spur unseres Ordens, an den folgenden Tagen haben wir noch in San Anton vor Castrojeriz und Manjarin nahe dem Cruz de Ferro Überreste von Niederlassungen der Malteser entdeckt Wenn es auch nicht immer nach Plan geht, wird der Weg zum Erlebnis, zur Erfahrung der eigenen Grenzen – oder wie weit ich diese hinausschieben kann. Einmal geht es gerade noch mit den Rollis, die Autos müssen zurück, einmal müssen wir auch mit den Rollis umkehren. Gott sei Dank gibt es in Spanien einsame Landstraßen. Die eintönige Ebene der Meseta, die Weite des galicischen Berglandes im strahlenden Sonnenschein, Waldwege im Morgennebel, abgeerntete Getreidefelder, saftige Wiesen – die Vielfalt der Landschaften, die wir durchquert haben, zeigt die eigene Enge, animiert zur Erweiterung des Gesichtskreises.
Mit der Länge des zurückgelegten Weges wächst die Gruppe zusammen, finden wir heraus, wann Gemeinschaft, wann Stille und Zurückgezogenheit gewünscht sind, wächst das Selbstvertrauen und das Gottvertrauen, es wächst der Respekt vor denjenigen, die in den letzten tausend Jahren diesen Weg gegangen sind, um zu sich selbst und zu Gott zu finden, deren Beispiel Mitmenschen wachgerüttelt hat. Es wächst auch der Respekt vor denjenigen, die sich uns Dienenden anvertraut haben, um den Weg unter die Räder zu nehmen und über sich hinauszuwachsen. Bis ans Ende der Welt (nach Finisterre) und wieder zurück hat ER uns geführt.
Schon in der Vorbereitung fiel mir neben der zentralen Bedeutung des Weges die des Steines auf. Jeder Pilger nimmt einen Stein mit (von zu Hause oder aus dem Bachbett bei Castrillo de los Polvazares) und deponiert ihn am Cruz de Ferro, dem weithin sichtbaren Eisenkreuz nahe Fonceba-don. Steine schauen so leblos aus, tragen aber so viel Leben in sich, so viele Bedeutungen. Ein Stein kann eine Last sein, ein Wurfgeschoß, der Stein des Anstoßes, aber auch der Baustein, der zum Eckstein wurde, der Pflasterstein, der uns sicheren Tritt verleiht; Steine, auf denen uns der gelbe Pfeil den richtigen Weg weist, steinerne Getreidespeicher, die die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit bewahren, steinerne Mauern, die uns schützen, Teil des Daches, das uns be-hütet. Wir haben viele solche Steine gesehen, sie hatten nichts bedrohliches an sich. Nicht der Stein ist gut oder schlecht, sondern nur der Mensch, der ihn benützt. Unsere Lasten haben wir dem Steinhaufen am Cruz de ferro anvertraut. Viele Steinbauten scheinen für die Ewig-keit gebaut, und dennoch stehen viele nur mehr als Ruinen da und führen uns die Vergänglichkeit unserer Werke vor Augen. Was unvergänglich daran ist, bleibt der Stein, so wie wir ihn der Schöp-fung entnommen haben.
Wir haben uns in eine Reihe gestellt mit Mächtigen und Ohnmächtigen, mit Betenden und Büßenden, mit Kaisern, Königen und einfachen Menschen, mit Kirchenfürsten und Heiligen, die alle den Weg gegangen sind, um IHN zu suchen. Uns alle eint die Gewißheit, daß ER der Weg ist. In Zeiten wie diesen tut es gut zu sehen, wieviele den suchen, der von sich sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wir alle werden IHN wohl am ehesten finden, wenn wir uns auf den Weg machen, am besten zu Fuß … Voll Vertrauen gehe ich den Weg mit Dir mein Gott, Du der Du das Leben bist … Dieses Lied wird immer Erinnerungen wecken an den Weg in jenen Tagen im September 2004.
Der Weg hat seine Spuren an und in uns hinterlassen. Oft bin ich den Weg vorab im Geiste gegangen, bevor ich mich wirklich auf den Weg machen konnte. Noch lange werde ich den Weg in Gedanken gehen. Es ist nicht gut, daß wir heutzutage alle Wege so schnell wie nur irgendwie möglich zurücklegen wollen, es gibt Wege, die ihre Zeit brauchen. Ein Flug nach Lourdes wird mich wohl nicht so beeindrucken.
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Gottfried Kühnelt-Leddihn
Ein Vergelt’s Gott denen, die uns unterstützt haben:
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