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Pilgerreise nach Jerusalen de Occidente
Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens war im Mittelalter neben Jerusalem und Rom der bedeutendste Wallfahrtsort der Christenheit. Mittelpunkt der Verehrung waren die Reliquien des Heiligen Jakob in der Kathedrale. Nach einer Pilgerreise von Papst Johannes Paul II. kam es nach jahrhundertelanger Bedeutungslosigkeit zur Wiederbelebung des einst berühmten Jakobswegs.
 Die Pilgergruppe am Cabo Fisterra.
Seither gehen alljährlich Zehntausende nach Santiago: Junge und alte Pilger, die mit Rucksack beladen etwa von Saint Jean Pied-de-Port, den mehr als 800 Kilometer langen Camino oder zumindest die gebotenen 100 Kilometer zurücklegen, Radfahrer, Gruppen aus Pfarren, die sich unter der Führung ihres Priesters bestimmte Etappen ausgesucht haben und manchmal auch Reisende, die den Jakobsweg als Sightseeing-Tour ansehen, sich das Gepäck von Parador zu Parador nachschicken lassen. Eine Gruppe von sechs Rollstuhlfahrern und acht Betreuern des Malteser Hospitaldienstes Tirol mit zwei Autos und einem Anhänger dürfte der Jakobsweg jedoch noch nicht gesehen haben. Das allgemeine Erstaunen ist groß.
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Reisesegen vor dem Innsbrucker Dom, der dem Heiligen Jakob geweiht ist; Beginn einer langen Reise, die nur durch vollen Einsatz, außerordentliches Geschick der Malteser unter der Leitung von Gottfried und gründlicher Vorbereitung zu einem guten Ende gebracht werden kann. Das zeigt sich bei der Millimeterarbeit, die den Fahrern im abendlichen Stau von Genua auf schmalen Straßen abverlangt wird, bei mitunter komplizierter Pflege der Betreuten, auf sich überra-schend verengenden Feldwegen und bei der Bewältigung vieler kleinerer und größerer Hindernisse.

Wir sind also in guten Händen, das weiß auch Theresia, die Tiroler Bäuerin, die noch nie länger als drei Tage von ihrem Hof weg war. Ich finde ihre Unerschrockenheit großartig, mit der sie mit Rollstuhl und Krücken die lange Reise mitmacht …
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Am Abend des dritten Tages erreichen wir Lourdes. Die meisten unserer kleinen Gruppe waren schon öfters da; ich zum ersten Mal. Die Besonderheit des Ortes ist überall spürbar. Besuch der Grotte, der Brunnen, stimmungsvolle Sonntagsmesse im Zelt. Für mich steht die Marienverehrung im Vordergrund. Mit dem Verlangen nach Wunderheilung kann ich persönlich weniger anfangen. Nicht, dass dies auszuschließen wäre, ich glaube nur, dass der Mensch das ihm von Gott auferlegte Schicksal mit all seinen Freuden und Leiden akzeptieren sollte. Vielleicht fällt mir deshalb die Sanatoriumsatmosphäre im gepflegten Accueil Notre Dame auf.
Für uns beginnt der Jakobsweg in St. JeanPied-de-Port. Dort finden wir die ersten Jakobsmuscheln auf dem Boden und die gelben Pfeile, die den Weg nach Santiago weisen. Fünf Tage lang fahren und wandern wir durch großartige Landschaften und sehen Zeugen christlicher Kunst, die in langen wechselvollen Jahrhunderten entstanden sind. Die Vielfalt der Eindrücke ist schwer zu beschreiben: die mächtigen Kathedralen von Pamplona, Burgos, Santo. Domingo de la Calzada und Leon, die Brücke von Puente la Reina bei hereinbrechender Nacht, das unerwartet reiche Museum in der Kirche von Castrojeriz, einem scheinbar unbedeutenden Ort, der Dom von Astorga, die kleinen Häuser mit den entzückenden grünen Türen im malerischen Ca-strillo de los Palvazares. Das alles dient nicht zuletzt der spirituellen Vorbereitung.
Dem Malteserorden begegnen wir in Cizor Menor, einer alten Kommende, die im Abendlicht die Vergangenheit beschwört und in St. Anton, einst ein Kloster, das dem Antoniterorden gehörte, später von den Maltesern übernommen wurde. Landschaftliche Höhepunkte waren die Überquerung der Pyrenäen (Roncevalles), der Pass von Cebreiro mit den Steinhäusern und nicht zuletzt Finisterre, das mittelalterliche Ende der Welt an der Atlantikküste. Ein spiritueller Höhepunkt war unser Aufenthalt am Cruz de Ferro, das umgeben von Bergen und Tälern auf einer Anhöhe den Pilger einlädt, seine Last – durch einen Stein symbolisiert – abzulegen. Burgi, die in einem pharmazeutischen Betrieb in Kundl arbeitet und viel reist, ist überall, wo es etwas zu sehen gibt. Mit ihrem schnellen Rollstuhl ist sie Vorhut und Nachhut zugleich.
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Rollstühle auf dem Jakobsweg. Wir erleben ihn sehr unterschiedlich. Der erste Tag (auf der Strecke Villamayor nach Los Arcos) beginnt mit einer Wanderung auf bequemer, breiter Straße. Tags darauf stoßen wir auf einen mühsamen, sehr steinigen Pfad, der erst nach einigen Kilometern in eine wenig befahrene Asphaltstraße mündet. Ein anderes Mal wurde der Weg unpassierbar und wir mussten einen längeren Umweg machen, um auf eine stärker frequentierte Straße auszuweichen. So haben wir in den insgesamt 50 Kilometern, die wir im Rollstuhl mit Hilfe der Betreuer zurücklegten, etwas vom Wesen des Jakobswegs erfahren. Er führt nämlich nicht, wie manche Urlauber glauben, nur durch prachtvolle Landschaft. Wer ihn etwa von den Pyrenäen aus geht, muss lange Märsche durch öde Vororte großer Städte und auch Strecken neben stark befahrenen Hauptstraßen in Kauf nehmen. Dabei lernen wir, dass das Leben aus Höhen und Tiefen, Erfolg und Scheitern besteht. So wie auch jeder Einzelne seine guten und weniger guten Eigenschaften mit sich trägt. Großartig das Mittagspicknick an besonders ausgesuchten Plätzen, unübertroffen die Rast an der Cote Azur direkt am Meer in Theoul. Hier kommt uns das fast während der ganzen Reise prachtvolle Wetter sehr zustatten. Bei einer Mittagsrast in Spanien beobachtet uns eine beachtliche Ansammlung von Geiern lüstern. Sie erwarten vergebens "Essen auf Rädern". Die Stimmung ist fröhlich, die Gemeinschaft harmonisch. Wir erfreuen uns an dem ansteckenden Lachen von Franz, dem Theologen aus Graz und Manuela (aus Niederösterreich), die – so wie wir alle – noch nicht gelernt hat, gleichzeitig zu lachen und einen Bissen zu schlucken.
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Am Ziel: Die Kathedrale ist erwartungsgemäß der unbestrittene Mittelpunkt der Stadt. Um sie gruppiert sich alles. Nach dem Pilgergottesdienst am ersten Tag singen wir vielbeachtet, spontan das "Großer Gott wir loben Dich". Dieser aus dem 18. Jahrhundert stammende Choral ist ein Beweis, dass das Schöne und Wahre unkompliziert ist. Er drückt innerhalb einer Oktav alles aus. Wir singen nicht nur zu diesem Anlass. Besonders eindrucksvoll waren auch Gesang und Gebet in Vilar de Donas sowie am Ende unseres zweiten Aufenthaltes in Lourdes. Die singfreudige Dragana aus Oberösterreich sucht und findet auch andere Gelegenheiten, um uns zu einem Gesang zu animieren. Dabei kommen wir zu Liedern, die so schön sind, dass es Wert gewesen wäre, etwas mehr zu proben. Die Reise war anstrengend und jeder sehnte sich am Ende nach Hause. Dennoch fiel uns der Abschied nach 15 so erlebnisreichen Tagen schwer. Deshalb feierten wir ihn gleich drei Mal: Am letzten Abend bei einem Aperitif in Genua auf der Terrasse der Jugendherberge mit dem unvergleichlich schönen Blick auf Stadt und Hafen, im alten Kloster San Zeno, dem Juwel Veronas und in einem kleinen gemütlichen Restaurant in Innsbruck. Ein herzlicher Dank den Betreuern, für Vorbereitung und Durchführung und den Betreuten für die großartige Gemeinschaft.
Unsere Pilgerreise ist dennoch nicht zu Ende. Das "ultreia", der Gruß der Pilger bedeutet "Geh weiter zu Deinem Ziel, vollende Deinen Weg". Das gilt für alle uns noch verbleibenden Tage.

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