|
Alle, die mir lieb …
Wer Gidi die letzten Wochen seines Lebens nahe war und ihn erlebt hat, der kann berichten von der heiligmäßigen Geduld, der Demut, der Lebensfreude von der Georg in der Parte sprach. Keine Silbe der Klage über das schwere Leid. Ärgernis über Behandlungsfehler, ja vielleicht, aber immer auf sachlicher Ebene. Zu keinem Zeitpunkt duldete Gidi auch nur ansatzweise Leidenschaft in der Schilderung seines Zustands. Mitunter entstand der Eindruck, er spricht von einem Erlebnis, das ein Dritter hatte, das ihn Gidi, selbst gar nicht in erster Linie betrifft. So kam es, dass niemand von jenen, die engeren Kontakt zu ihm hatten, wirklich glaubte, dass er seinem Ziel auf dem Weg in ein neues, ewiges Leben schon so nahe war. Wie auch? Als Gidi noch im AKH war, war sein Bett stärker besucht als die 12er Alm an einem Juliwochenende. Es wurde getrunken und gelacht, diskutiert, verabredet, berichtet, verhandelt, wiedergesehen und kennengelernt. Eine achtspitzige Gesellschaft, allemal. Bis zu 30 Menschen scharten sich um den stets gut Gelaunten. Fast hatte die Situation, da ihre Tragik vielen nicht bewusst war, so etwas wie – wenn auch nur als vorübergehend empfundene – Normalität angenommen.

Umso unerwarteter kam der Abschied. Am Dienstag, den 20. April ging unser lieber, lieber Gidi hinüber zu Maxi, Kätzi, Töni und den anderen, mit denen der große Malteser nun wohl, wie gesagt wurde, den Bereich Himmel organisieren wird. Der Malteser Hospitaldienst, namentlich der Bereich Salzburg, war sein Leben. Bis zu Letzt bemühte er sich, seine organisatorischen Aufgaben als Referatsleiter wahrzunehmen. Gidi war jemand, der sich stellte. Hatte er eine Entscheidung getroffen, so war er auch bereit, darüber zu diskutieren. Das Risiko, in der Diskussion auch einmal zu unterliegen, nahm er billigend in Kauf. Er revidierte einen Entschluß auch, wenn es sein musste, da er stets mit ausreichender Klarheit sah, worum es eigentlich ging. Ob am Ende er oder jemand anderer bedankt würde, war ihm sichtlich unwesentlich. Wesentlich war die Erreichung des deutlich vorgegebenen Ziels.
Über das Ziel musste man mit ihm nicht reden, weil er dieses mit Leib und Seele verkörperte. Gidi vermittelte melitensisches Kernbewusstsein, für jedermann einsehbar. Manche Dinge sind zu tun, ohne Ansehen von Sympathien oder Antipathien. Die Befriedigung des Hilfsbedürfnisses eines Menschen ist ebenso unentrinnbar wie das Schicksal der Krankheit, die die Bedürftigkeit auslöst. Studenten wie Priestern, Unternehmern wie Krankenschwestern, Technikern wie Juristen, Pensionären wie Angestellten, Gidi kommunizierte ihnen, worum es ging, und sie nahmen es an. Das Faszinierende lag darin, dass Gidi konstruierter Argumente eben nicht bedurfte. Er musste nicht mühsam Mehrheit oder Gunst seiner Fürsprecher suchen. Wer da ist, macht mit, wer fehlt, weiß warum, so schien die Devise. Ein einziger Fall ist überliefert, wo die Autorität der natürlichen Überzeugung nicht hinreichte, bei seinem Gesprächspartner Einsicht zu stiften. Dieser wurde dann eben dahingehend belehrt, dass er immerhin zu einem Prinzen spräche, eine andere Sichtweise daher schon deshalb nicht denkmöglich sei. Auch eine Art Naturrecht.
Hinter dieser Erinnerung verblasst eigentlich die Traurigkeit ein wenig. Der Schmerz ist schon gut, weil er eine Wirkung der Liebe ist, als solcher wird er belohnt. Gidi ist in die große Armee eingerückt. Die Kirche von St. Gilgen war an diesem Nachmittag des 1. Mai ein Tränenmeer, „Segne Du Maria, segne mich Dein Kind“ – so wurde gegen Ende gesungen. Wer singt, betet doppelt. Wie als ein Vermächtnis heißt es in einer Zeile dieses Liedes: „Segne alle, die mir lieb!“ Jeder dort, der damit rang, nicht zu weinen, oder den Kampf auch bereits aufgegeben hatte, musste sich von Gidi selbst angesprochen fühlen.

|
 |
|