Malteser Kreuz

900 Jahre Dienst am Nächsten

Gastkommentar in der Die Presse vom 17. April 1999 von Franz Kardinal König zum Jubiläum von Maltesern und Johannitern

Vor nunmehr 900 Jahren gründete Bruder Gerhard in Jerusalem eine Bruderschaft als Ritterorden vom Hospital des hl. Johannes. Die ureigenste Motivation des Ordens bestand darin, den "Herren Kranken" zu dienen. Im Kranken erkannten nämlich die Brüder ihren Herrn, Jesus Christus. Sie wollten, so weit sie konnten, das Elend in der Welt verringern. Im Verlauf der Kreuzzüge pflegten sie Kranke und Verwundete, gleich welcher Religion.

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Die Krise auf dem Balkan führt auf äußerst drastische Art und Weise vor Augen, dass der Dienst am Nächsten auch heute eine gesellschaftliche Notwendigkeit darstellt. Oft scheinen wir zu vergessen, ihr zu entsprechen. Umso erfreulicher ist es, dass es Gruppierungen in der Gesellschaft gibt, die mit ihrem tagtäglichen Dienst am Nächsten uns diese Notwendigkeit in Erinnerung rufen.

Heute, am 17. April, gedenken der Souveräne Malteser-Ritter-Orden und die Österreichische Kommende der Balley Brandenburg des Johanniter-Ordens in einem ökumenischen Dankgottesdienst im Wiener Stephansdom ihrer Gründung vor 900 Jahren. Ein Grund zu feiern. Angesichts des Elends auf dem Balkan ein Grund, sich mit ihren Ideen zu beschäftigen.

Sind wir nicht in unserer Zeit zu sehr mit uns selbst beschäftigt? Haben wir es nicht verlernt, den anderen zu helfen, einfach so, ohne Hintergedanken? Ich hoffe nicht. Gerade wenn wir den Einsatz der – vor allem auch der jungen – Mitglieder der Orden und Mitglieder anderer Hilfseinrichtungen betrachten, so können wir erkennen, dass unsere Gesellschaft es noch nicht vergessen hat, dem Nächsten zu dienen. Mit einem Einsatz, der oft wirklich an den Rand der körperlichen Erschöpfung geht, versuchen sie, so gut sie können, dem Nächsten zu dienen.

Der Mensch "verwirklicht" sich am Du, und nicht am Ich. Am Du überwindet sich der Mensch, er wächst sozusagen "über sich hinaus" und verwirklicht sich in seiner eigentlichen Identität. Von daher ist der Dienst am Nächsten etwas ganz Menschliches, etwas ganz "Natürliches". Im übertragenen Sinn ist der Dienst am Nächsten der Dienst am eigenen Ich.

Es mag einem zunächst schwerfallen, sich mit alten Ritter-Zeichen und -Ausdrücken anzufreunden. Die schwarzen Kukullen können schon etwas befremdend auf den modernen Menschen wirken. Aber der Ordensritter, der gerade noch im Dom 2000 Jahr alte Gebete formulierte, koordiniert unter Umständen schon einen halben Tag später den Transport modernster Beatmungsgeräte nach Albanien. So verbindet sich alt und neu, und so erkennt man das Zeitlose.

Die alte Idee des Bruders Gerhard wurzelt in der Lehre Christi und hat über alle Epochen hinweg nichts an ihrer Aktualität verloren. Für die Zukunft glaube ich vielmehr sagen zu können, wird das Richtmaß der gesellschaftlichen "Gesundheit" der Dienst am Nächsten sein.

Ich glaube fest daran, dass wir uns immer wieder an die eigentlichen Aufgaben des Lebens erinnern werden. Diese Aufgaben werden auch nicht "nur" von den Orden oder anderen gesellschaftliche Gruppierung mit einer ähnlichen Ausrichtung übernommen werden können. Jeder einzelne wird sich immer wieder darauf zurückbesinnen, um sich in seinem ganz persönlichen Dienst am Nächsten zu "verwirklichen". In diesem Sinne sage ich mit Freude: auf weitere 900 Jahre!

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Letztes Update dieser Seite: Donnerstag, 29. April 2004 um 23:58:21 Uhr
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