Malteser Kreuz

Predigt beim Familiengottesdienst am 14. März 2004 im Grazer Dom

von Diözesanbischof Dr. Egon Kapellari, Graz-Seckau, Chefkaplan des SMRO, Großpriorat von Österreich

Das Jahr 2004 ist von den Vereinten Nationen zum "Jahr der Familie" proklamiert worden. Damit wird auf einen Wert hingewiesen, der für die internationale Staatengemeinschaft von besonderer Bedeutung ist und der zugleich als bedroht und gerade deshalb als förderungswürdig erkannt wird.

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Diözesanbischof Egon Kapellari, Chefkaplan des Großpriorats von
Österreich, bei der Aufnahme 2003 im Stift Rein.

Familie - was ist das? Die Antwort auf diese Frage ist heute auf der nördlichen Hälfte unserer Erde weitaus nicht mehr so deutlich wie noch vor einigen Generationen. Damals galt Familie schlichtweg als eine durch Ehe auf Dauer angelegte Gemeinschaft von Frau, Mann und ihren Kindern, meist auch noch in Verbindung mit Großeltern und nicht wenigen anderen solidarisch empfindenden Verwandten. Heute hat sich das sogenannte "Patchwork Modell" von Familie weit verbreitet, für das eine dauerhafte Ehe nicht mehr das übliche Fundament ist.

Im Norden der Erde, zu dem auch Länder wie Österreich gehören, gibt es aber dennoch, wie Meinungsumfragen bezeugen, eine weit verbreitete Sehnsucht nach stabilen Beziehungen in Ehe und Familie, gerade auch bei jungen Menschen. Die gesellschaftliche Wirklichkeit weicht von diesem Ideal freilich millionenfach ab. Eines der schwerwiegendsten Probleme, das hier alle Mitglieder der Gesellschaft in wachsendem Ausmaß betrifft, ist die geringe Zahl an Kindern. Man spricht mit Recht von einem demographischen Winter, und trotz sozialpolitischer Anstrengungen, vor allem durch finanzielle Förderung und differenzierte Kinderbetreuungsmodelle innerhalb und außerhalb der Familie, ist eine Wende noch nicht in Sicht. Eines der Paradoxa der Situation ist, dass einer großen Zahl von Abtreibungen eine nicht geringe Zahl von Ehepaaren gegenübersteht, deren Wunsch nach Kindern oft nur mit ethisch höchst problematischen Methoden der Medizintechnik erfüllt werden kann oder zumindest erfüllbar erscheint.

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Christen, die ihren Glauben wirklich ernst nehmen, werden ihre Ideale, ihre Werte nicht aufgeben, auch wenn eine große Mehrheit in der Gesellschaft sich aus verschiedenen Gründen nicht mehr oder noch nicht daran hält. Das gilt auch für das Ideal von Familie.

Jeder von uns kennt viele Schicksale von Menschen, auch von Verwandten und Freunden, denen stabile Beziehungen, stabile Ehen und Familien nicht gelungen sind. Wir dürfen als Christen auf niemanden von ihnen selbstgerecht herabschauen. Wir sollen nach Kräften an ihrem Geschick helfend mittragen. Wir sollten aber das Nichtgelingende in Ehe und Familie nicht zum Normalfall erklären. Viele, zumal in Politik und Medien, wenden dagegen ein, dies sei eine Diskriminierung. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir indirekt auch dem Nichtgelingenden helfen, wenn wir verlässlich fördern, was dem Ideal von Ehe und Familie entspricht. Es werden ja allemal viele Menschen in und nach Beziehungskrisen von anderen Menschen gestützt, deren Beziehungen stabil geblieben sind oder wieder geworden sind.

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Bischof Kapellari im Gespräch mit einer Familie.

Kardinal Franz König hat vor Jahrzehnten im Blick auf die Preisgabe moralischer Prinzipien warnend gesagt: "Was nicht stimmt, das rächt sich". In vorchristlicher Zeit hat der griechische Tragiker Aischylos den Spruch "Durch Leiden lernen" geprägt. Die heutige Abkehr von Idealen, von Werten, die durch Jahrtausende wie Fixsterne über dem Weg der Menschheit geleuchtet haben, muss kein Weg auf einer Einbahnstraße sein. Es gibt auch Umkehr. Einzelne Menschen und auch ganze Gesellschaften erweisen sich ja auf dem Umweg über negative Erfahrungen immer wieder als lernfähig, als fähig zu Umkehr und Bekehrung. Das gilt auch für den Umgang mit dem menschlichen Leben: mit dem geborenen und dem noch nicht geborenen, mit dem entfalteten und dem behinderten Leben und für den Umgang mit unserer Umwelt als Mitwelt des Menschen.

Im Jahr der Familie und an diesem Familiensonntag sollten wir uns in Freude und Dankbarkeit besonders auch an das erinnern, was heute trotz aller Schwierigkeiten an Gutem für das Prinzip Familie gelingt: an die Kinder in unserem Land, die ein Schatz der Gesellschaft und der Kirche sind, an die Herzkraft so vieler Mütter, Väter, Großeltern in den Familien, an den Idealismus vieler in Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen tätigen Frauen und Männer; an den unverdrossenen Einsatz von in Politik und Medien für das Prinzip Familie tätigen Frauen und Männern und besonders an den Papst, der wie ein Leuchtturm weltweit immer wieder die Unverzichtbarkeit und den Segen des Prinzips Familie ins Licht setzt.
Im Jahr der Familie müssen wir auch von jenen Ungeborenen reden, denen der Eintritt in diese unsere Menschenwelt durch Abtreibung verweigert worden ist, bzw. heute verweigert wird. Der verstorbene Kardinal Franz König hat die Abtreibung immer wieder als eine offene Wunde bezeichnet. Nicht nur weil unsere Gesellschaft dringendst mehr Kinder bräuchte, müssen sich bewusste Katholiken für den Schutz der noch nicht geborenen Kinder einsetzen, sondern weil sie ein personales Du und nicht ein unpersönliches Es sind. Wir werden nicht aufhören dürfen, unter strikter Achtung demokratischer Regeln Allianzen zum Schutz der Ungeborenen zu suchen. Wir dürfen uns dabei das Argumentieren nicht zu einfach machen und wir müssen besonders sensibel mit betroffenen Frauen umgehen.
30 Jahre nach Einführung der sogenannten Fristenregelung, die ungeborenes menschliches Leben in den ersten drei Monaten generell aus dem Schutz des Rechtes herausgenommen hat und die Abtreibung schwer behinderter Kinder bis zur Geburt ermöglicht, erinnern die überkonfessionelle "Aktion Leben" und katholische Organisationen wie der Katholische Familienverband an die damals von der Politik versprochenen flankierenden Maßnahmen. Diese Initiativen brauchen und verdienen Unterstützung von uns allen.

Familie, das ist, wenn sie einigermaßen intakt ist, eine Solidargemeinschaft von zwei und möglichst auch von drei oder mehr Generationen.
Die Mitte dieses kleinen sozialen Kosmos ist das Kind, sind die Kinder, weil sie liebenswert, schutzbedürftig und Träger der Verheißung einer guten Zukunft sind. Familie trägt aber auch viel bei zum Netz, das betagte und kranke Angehörige birgt. Indem sich Familie also besonders dem Kind und dem betagten und kranken Angehörigen zuwendet, tut sie, was Jesus Christus beispielgebend getan hat. Zweimal hat er, so berichten die Evangelien, einen Menschen in die Mitte einer ihn umgebenden Menschenmenge gerufen und deren besondere Aufmerksamkeit dafür in Anspruch genommen. Das eine Mal war dies ein Kind, das andere Mal ein kranker Erwachsener, ein Mann mit einem gelähmten Arm. Daran sollten wir uns und andere gerade in diesem Jahr der Familie immer wieder erinnern.

Ich möchte zum Abschluss dieser Gedanken allen Menschen in Kirche und Gesellschaft besonders danken, die sich für Familien besonders einsetzen und so unserem Land Grund zur Hoffnung geben.

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Letztes Update dieser Seite: Donnerstag, 29. April 2004 um 23:44:46 Uhr
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