Malteser Kreuz

Intensives Fortbildungswochenende zum Thema Lebenslanges Lernen

Altmitglieder der Bereiche Wien und Tirol trafen einander an einem August-Wochenende zu einem intensiven Fortbildungsseminar auf der niederösterreichischen Burg Plankenstein. Als Einstieg referierte Christian Dörner über das aktuelle Thema "Hilfe für Helfer". Dörner ist seit 15 Jahren hauptamtlicher Rettungssanitäter beim Wiener Roten Kreuz (WRK). Beim WRK wurde vor einigen Jahren mit großem Erfolg eine Betreuungsstruktur für Rettungsdienstmitarbeiter nach belastenden Einsätzen installiert, kurz "SvE Peer System" genannt (SvE = Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen).

AM-SemiBurg Plankenstein
Wunderschöne „Kulisse“ zum Seminar:
die Burg Plankenstein.

Grundlage der SvE-Methode ist ein in den frühen 80er Jahren in den USA entwickeltes Konzept des "CISM" (Critical Incident Stress Management) von Univ.-Prof. Dr. Jeffrey T. Mitchell. So genannte Peers (engl. =Gleichgestellte), erfahrene und speziell in SvE ausgebildete Mitarbeiter, halten sich nach dem SvE-Konzept bereit, um bei Bedarf auf kollegialer Basis die Verarbeitung psychisch belastender Einsätze zu unterstützen. Sie arbeiten Hand in Hand mit psychosozialen Fachkräften sowie Psychologen.

Peers werden tätig im Rahmen von:

  • Einzelgesprächen (one to one)
  • Kurzbesprechungen (Defusings)
  • Einsatzabschlüssen (Demobilization)
  • Einsatznachbesprechungen (Debriefing)
  • Betreuung vor Ort (On Scene Support Service)

Der besondere Vorteil des Systems liegt darin, dass der Peer die betreffende Organisation aus eigener Erfahrung kennt und daher auch Erkenntnisse aus erster Hand mitbringt, was die Akzeptanz in den eigenen Reihen und die Möglichkeiten der Interventionen erheblich fördert.

AM-Sem Katharina Faukal
Richtiges Verhalten am Unfallort:
Die Praxis darf natürlich auch nicht zu kurz kommen.

Im Rahmen der SvE-Peer-Ausbildung werden den Peers, um den speziellen Anforderungen gewachsen zu sein, Kompetenzen im sozialpsychologischen Anwendungsbereich vermittelt.

Entstehung des CISM-Konzepts

Jeffrey T. Mitchell, Paramedic des Rettungsdienstes in Baltimore, war auf dem Weg nach Hause, als er zu einem Verkehrsunfall kam. Eigentlich nichts Besonderes für den erfahrenen Retter und Psychologiestudenten. Selbst die tödliche Pfählungsverletzung der Beifahrerin war für ihn noch einigermaßen erträglich. Dass die Frau aber im Brautkleid war und nach ihrer Hochzeit auf dem Weg nach Hause starb, ließ Jeff Mitchell nicht mehr los. Das Bild verfolgte ihn bei Tag und bei Nacht, er bemerkte, wie er mit seinem Auto immer einen weiten Bogen um die damalige Notfallstelle fuhr, und der Anblick einer Auslage mit Hochzeitskleidern war ihm alles andere als angenehm. Nach einigen Monaten erkannte Jeffrey, dass er ein ernstes Problem hatte. Wer konnte ihm helfen? Seine Studienkollegen, ein Professor? Er war doch kein Patient, war nicht verrückt.
Jeff suchte erfolgreich Rat und Hilfe bei einem älteren Kollegen, sprach mit ihm über das Ereignis und fand heraus, dass diese Reaktionen häufig nach solchen Ereignissen vorkamen, nur trug jeder der betroffenen Kollegen seine Reaktionen für sich allein.

Normale Reaktion auf abnormale Dinge

All diese Reaktionen sind völlig normal, es kommt kaum vor, dass jemand auf einen besonderen Vorfall, wie eine erfolglose Säuglingsreanimation oder einen Eigenunfall mit Verletzten oder gar Toten, nicht in irgendeiner Form körperlich-seelisch reagiert. Der gesunde Retter darf normale Reaktionen auf abnormale Ereignisse haben. Wichtig ist aber, durch rasche Verarbeitung des Erlebten eine langfristige Verschleppung der Reaktionen mit Auswirkung auf Wohlbefinden und Gesundheit zu vermeiden.

Kollegiale Hilfe für Helfer

Basierend auf seinem eigenen Erlebnis entwickelte Jeffrey T. Mitchell die Methode der "kollegialen Hilfe" für betroffene Helfer. Er ist mittlerweile Professor an der Universität von Maryland und unterrichtet dort SvE (Critical Incident Stress Management = CISM). Peers sind somit keine Psychologen, sondern Kollegen, die in der Kunst des richtigen Zuhörens, der Gesprächsführung und der Konfliktlösung nach belastenden Ereignissen ausgebildet sind. Die Peers sind zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet und können von dieser auch nicht entbunden werden.

Die Warnsignale des Körpers ernst nehmen

Körperlicher und emotionaler Stress – die Symptome lassen nicht von heute auf morgen nach. Es dauert eine Zeit, bis ein gestresster Mensch sein normales Gleichgewicht wieder findet. Nach extremen Phasen kann eine Erholungsphase mehrere Wochen lang andauern.

Stressreaktionen von Einsatzkräften

Nach Abschluss eines belastenden Einsatzes (in den ersten Stunden und Tagen):

  • Intrusionen: wiederkehrende Bilder, Gerüche, Gedanken an das Ereignis; ständiges Bedürfnis, mit Kollegen über den Einsatz zu sprechen etc.
  • Aktivierung von Schutzmechanismen: Bemühungen sich von den Gedanken, Bildern oder Gerüchen des Einsatzes abzulenken (Rationalisierungen, Witze etc.)
  • Über-Erregtheit: Die Stressreaktion hält nach Ende des Ereignisses  noch an: Schlafstörungen, Aufgedrehtheit, Konzentrationsprobleme
  • Vermeidungsverhalten bzgl. Orten, Personen, Handlungen, die an das belastende Ereignis erinnern

Aufgaben der Peers: Beratung & Information über

  • die physiologischen Grundlagen und Erscheinungsformen von Stress,
  • die Besonderheiten von Stress im Einsatzdienst,
  • die Symptome und Gefahren posttraumatischer Belastungsstörungen,
  • die individuellen Möglichkeiten der Stressverarbeitung,
  • Unterstützungsformen durch Peers und psychosoziale Fachkräfte.

Ansprechpartner nach "belastenden Einsätzen"

Die Peers stehen ihren Kollegen und -innen als vertrauliche und verschwiegene Ansprechpartner für strukturierte Gespräch zur Verfügung. Diese "kollegialen Gespräche" helfen rasch und unbürokratisch bei der Bewältigung der erlebten Einsätze. Jedoch: Jeder Mitarbeiter entscheidet für sich selbst, ob er das Betreuungsangebot in Anspruch nehmen
will oder auch nicht!

Ausbildung: Wie verhalte ich mich als Sanitäter am Unfallort?

Am gesamte Samstag stand die Ausbildung unter obgenanntem Motto am Programm. Die EH-Vortragende Katharina Faukal ging im Seminarraum der Burg Plankenstein mit den Altmitgliedern Punkt für Punkt die richtigen Schritte und das richtige Verhalten am Unfallort durch. Ausgehend von einem realitätsnahen Verkehrsunfall wurden das Ansprechen, die Herbeiholung von Hilfe, die richtige Lagerung, die Erstversorgung von Verletzungen aller Grade besprochen. Vergiftungen, Badeunfälle, Kinderverletzungen, Schlaganfall, Herzinfarkt waren eigene
Themen.

Peter Girrer, der MHDA-Referent für Aus- und Weiterbildung, zog am Nachmittag ein intensives Reanimationsprogramm durch, wobei auch ein lebensrettender Lifepack 500 vorgestellt wurde. Jeder Teilnehmer musste mehrmals an der Reanimationspuppe Kraft und Ausdauer unter Beweis stellen. Am Sonntagvormittag feierten die Seminarteilnehmer in der kleinen, spätgotischen Kapelle die Hl. Messe, die von Kaplan Konstantin Spiegelfeld zelebriert wurde.

AM-Sem Peter Girrer
Kraft und Ausdauer waren
beim Reanimationstraining
mit der Puppe gefordert.

Mit einem Kurzvortrag wurde das Seminar abgeschlossen: Unter der Überschrift "Richtiger Umgang mit Medikamenten" präsentierte die gelernte Pharmazeutin Christiane Reich-Rohrwig brisante Themen wie Vergiftungen mit Haushaltschemikalien, Vergiftungsgefahren im
Kindesalter, Darbietungsformen von Pharmaprodukten (z.B. Salbe, Creme, Gel), richtige Einnahme, Lagerung und Entsorgung von
Medikamenten.

  •  Georg Reichlin-Meldegg

 

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Letztes Update dieser Seite: Dienstag, 25. November 2003 um 14:36:30 Uhr
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